Kultur - Der Spießerschreck

Kultur - Der Spießerschreck

"Die Stützen der Gesellschaft" von George Grosz

Er wollte den Zeitgenossen "den Spiegel vor die Fratze" halten, die Welt davon überzeugen, "daß sie häßlich, krank und verlogen ist": George Grosz (1893-1959), ein Spießerschreck wie aus dem Bilderbuch. In deftigen Darstellungen führte er die Elite der Weimarer Republik vor, allesamt Altlasten aus der Kaiserzeit: Militär, Kapital, Politik. Unfähig, mit Kritik umzugehen, jaulte das System immer wieder auf, wenn Grosz mit spitzer Feder oder sachlichem Pinselstrich die Spitzen der Gesellschaft aufspießte.

Es gab Prozesse wegen "Beleidigung der Reichswehr", "Angriffs auf die öffentliche Moral" und "Gotteslästerung", Verbote, Geldstrafen und Beschlagnahmen. Wir verdanken Grosz sogar eine höchst aufschlußreiche gerichtliche Erörterung über die Grenzen der Satire und die Freiheit der Kunst.

Die Goldenen 20er Jahre in Berlin waren keine Zeit für Differenzierung, sondern eine Zeit der Typen. Und für die intellektuelle Linke war immer klar, wo der Feind stand und wie er aussah. "Ich malte dem Kapitalismus und dem Militarismus wüste Fressen, um mit Wollust stundenlang hineinzuhauen", schwadronierte Grosz. Und so sahen sie denn auch aus, "die" Stützen der Gesellschaft, wie eines der bekanntesten Bilder von Grosz betitelt ist. Das Gemälde entstand 1926 und hängt heute in der Berliner Nationalgalerie.

Direkt an der Theke steht der Chauvinist. Schmisse im Gesicht, Säbel und Corps-Farben ordnen ihn einer schlagenden Studentenverbindung zu. Monokel, Ordensband am Revers und eine Reiterfigur, die dem hohlen Schädel entspringt, charakterisieren ihn zudem als ehemaligen Kavallerieoffizier. Hinter ihm steht, mit einen Nachttopf auf dem Kopf, die Personifikation der bürgerlichen Presse.

Der Mann mit den Zügen des Pressezaren Hugenberg hat sich blutige Zeitungen unter den Arm geklemmt, die Palme der Versöhnung ist ebenfalls blutgetränkt, den Stift hält er wie einen Dolch. Neben ihm steht, Reichskanzler Hindenburg nicht unähnlich, die Witzfigur des Parlamentarismus. Die alte Reichsflagge hält er in der Hand, das Flugblatt "Sozialismus ist Arbeit" klebt auf der Brust. Das war ein Slogan der Sozialdemokraten gegen Streikaufrufe der Kommunisten. Ein Kothaufen, der aus dem leeren Schädel dampft, komplettiert die Karikatur. Über den Köpfen erscheint schließlich ein Vertreter der Kirche, der das mörderische Treiben der Reichswehr segnet - eine Anspielung auf die Niederschlagung der Revolution und die Kämpfe in den ersten Jahren der Weimarer Republik.

Grosz' pralle Symbolik erinnert noch an die Ikonographie satirischer Blätter aus der Kaiserzeit, der Malstil hingegen folgt dem Puls der 20er Jahre. Im Aufbau des Bildes orientierte er sich am "Synthetischen Realismus", der in Moskau gerade aktuell war: Collageartig arrangierte er die Elemente auf der Fläche, ohne dabei eine bildräumliche Identität anzustreben.

Neben Otto Dix gehört Grosz zu den bedeutendsten Vertretern des Verismus, einer Spielart der "Sachlichkeit". "Sachlichkeit" war so etwas wie ein Leitmotiv der frühen Weimarer Republik. Ihm folgten Architektur, Film, Literatur, Fotografie, sogar das Lebensgefühl einer (scheinbar) stabilisierten Gesellschaft wurde damit charakterisiert.

"Der Expressionismus ist tot", attestierten die Gegner, und die Dadaisten fragten: "Haben die Expressionisten unsere Erwartungen auf eine Kunst erfüllt, die uns die Essenz des Lebens ins Fleisch brennt? NEIN! NEIN! NEIN!" Die "Sachlichkeit" richtete sich gegen die irrationalen Züge des Expressionismus, gegen die "falsche und sentimentale Geschwulstmystik" (Max Beckmann). Grosz wetterte, es ginge nicht mehr darum, "expressionistische Seelentapeten bunt auf die Leinwand zu zaubern", die Sachlichkeit und Klarheit der Ingenieurszeichnung sei ein besseres Leitbild als "das unkontrollierte Geschwafel von Kabbala und Metaphysik und Heiligenekstase".

Die Veristen gehörten zu den Radikalen der "Sachlichkeit", grell, zeitgenössisch, mit der Aufdeckung des Chaos beschäftigt. Sie kamen meist aus der Dada-Bewegung, sympathisierten mit der KPD oder waren zumindest kurze Zeit Mitglieder. Ganz anders war die "Neue Sachlichkeit" strukturiert, die neben einem geradezu konzeptuellen Zweig auch einen extrem harmoniesüchtigen hatte. Sie verschweige "den Wurm in dieser Welt", wie Ernst Bloch einmal sehr schön schrieb, "sie wurde buchstäblich die Malerei der übertünchten Gräber".

Das war 1937, in dem Jahr, als die Nazis gnadenlos zurückschlugen: Neben den Expressionisten gehörten die Veristen zu den Hauptopfern der Ausstellung "Entartete Kunst", während die schlimmsten Weichmacher unter den Künstlern der "Neuen Sachlichkeit" mit offenen Armen von der neuen Deutschen Kulturpolitik empfangen wurden.