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Kommentar: Arbeitsmarkt - Längere Schatten

Kommentar : Arbeitsmarkt - Längere Schatten

Die Bundesarbeitsministerin demonstrierte am Dienstag ungebrochenen Optimismus. Es gebe "keine Anzeichen dafür", dass die Eurokrise auf den deutschen Arbeitsmarkt durchschlage, kommentierte Ursula von der Leyen die jüngsten Zahlen zur Arbeitslosigkeit.

Tatsächlich zeigt sich die deutsche Wirtschaft angesichts der Turbulenzen in immer mehr europäischen Ländern erstaunlich robust. Das liegt vor allem daran, dass die deutschen Unternehmen ihre Hausaufgaben gemacht haben und in ihren Branchen weltweit Spitzenstellungen einnehmen - ob Autohersteller wie Volkswagen, Chemieindustrie wie Bayer oder Logistik wie die Deutsche Post DHL.

Doch dass die Eurokrise nicht auf die deutsche Konjunktur und damit früher oder später auch auf den hiesigen Arbeitsmarkt durchschlagen kann, wäre eine gefährliche Illusion. Arbeitsagenturchef Frank-Jürgen Weise zeichnete am Dienstag ein differenziertes Bild: Zwar entstehen in Deutschland weiterhin Arbeitsplätze - von denen inzwischen aber auch viele von Zuwanderern aus Osteuropa und den Schuldenstaaten besetzt werden.

Sein Fazit: Trotz leicht steigender Beschäftigung wird die Arbeitslosigkeit in diesem Jahr wohl nicht weiter sinken. Und ist der Stand denn tatsächlich so gut? Knapp drei Millionen Arbeitslose gibt es derzeit in Deutschland, von den Erwerbsfähigen ist also jeder 14. betroffen. Von einem "sehr gesunden" Arbeitsmarkt, wie von der Leyen, kann man da eigentlich noch nicht sprechen.

Wer die Entwicklung länger beobachtet, erinnert sich an die Sorgen, als 1975 die Schwelle von einer Million und 1983 die Grenze von zwei Millionen Arbeitslosen überschritten wurde. 1993 waren es erstmals mehr als drei Millionen. Und dann kamen noch ganz andere Zeiten, nämlich fast zehn Jahre lang ab 1997 plus minus vier Millionen, 2006 sogar fast fünf Millionen. So ist man in Berlin bescheidener geworden, deklariert jetzt knapp drei Millionen als "gesund".

Doch warum gelingt es in vielen Regionen, wie auch in Köln/Bonn nicht, trotz guter Wirtschaftslage die Arbeitslosigkeit weiter zu drücken? Bayern zeigt, dass es auch besser geht. Dort liegt die Arbeitslosigkeit nur halb so hoch wie im Bundesdurchschnitt. Was sind die Gründe? Das Schulsystem? Seit der Agenda 2010, die vor neun Jahren startete, hat es in Deutschland keine größeren Reformen mehr gegeben, um Menschen in Arbeit zu bringen.

Die gute Wirtschaftslage verdeckt Probleme: Viele Jugendliche sind nicht ausbildungsfähig, bei der Integration holpert es, Bürokratie wuchert, staatliche Planwirtschaft ufert aus - ob bei der Energiewende oder der Behandlung der Eurokrise. Auf einen längeren Abschwung ist Deutschland arbeitsmarktpolitisch schlechter vorbereitet als viele heute glauben. Und die Schatten der Eurokrise werden täglich länger.