Kommentar Asyl in Europa - Falsche Debatte

BRÜSSEL · Die Betroffenheit ist groß. Was sich vor den Toren der Europäischen Union abspielt, hat wenig mit einer Wertegemeinschaft zu tun, die sich Frieden, Freiheit und Menschenrechte auf die Fahnen geschrieben hat. Dabei ist das, was am vergangenen Freitag geschah, nur die Spitze des Eisbergs. 19 000 Flüchtlinge kamen zwischen 1988 und 2013 vor der italienischen Küste ums Leben.

Das darf niemanden unberührt lassen. Doch die EU-Mitgliedstaaten können, wollen und werden an der Sachlage nichts ändern. Italiens bittere Klage über mangelnde europäische Solidarität geht ins Leere. Würde die Dublin-II-Verordnung zugunsten Roms tatsächlich neu verhandelt, gäbe es ein Erwachen: Italien müsste nämlich nicht nur seine Flüchtlinge behalten, es bekäme auch noch einige aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Schweden dazu.

Und mancher, der nach offenen Grenzen ruft, würde spätestens dann verstummen, wenn er der heimischen Bevölkerung erklären müsste, dass sie weitere Asylbewerber aufzunehmen habe.

Genau genommen hat das EU-Asylrecht mit dem schrecklichen Tod der Flüchtlinge im Mittelmeer nur wenig zu tun. Europa und die afrikanischen Staaten müssen ihren Kampf gegen kriminelle Menschenhändler und Schleuserbanden verstärken. Dass dies nicht oder deutlich zu wenig geschieht, ist unbegreiflich. Zumal Brüssel seine Partner im Norden des Kontinents mit millionenschweren Zuwendungen aufgerüstet hat, um die Grenzen besser zu sichern.

Doch man kann eine Welle von Flüchtlingen, die Hunger, Elend, Folter und Tod zu entkommen versuchen, nicht an einer Grenze stoppen. Deshalb mag das neue Eurosur-Projekt zur frühzeitigen Erkennung von Schiffen auf dem Weg ins gelobte Europa auch technisch überaus interessant sein, es verschiebt nur das Problem.

Ohne wirkungsvolle Hilfe in den Heimatländern der potenziellen Asylbewerber wird sich an der Lage nur dann etwas ändern, wenn der Winter kommt und die See in jeder Hinsicht ruhiger wird. Aber es wird hoffentlich niemand auf den Gedanken kommen, dies als Konzept zu empfehlen.

Die EU muss offensiver als bisher die jungen afrikanischen Demokraten und Demokratien stützen und fördern. Und wir dürfen uns nicht in falscher Sicherheit wiegen, wenn alternde Fernsehstars ihre kleinen Entwicklungshilfe-Oasen in Äthiopien vorführen, damit wir glauben, alles sei in bester Ordnung.

Die 28 Mitgliedstaaten müssen viel mehr tun, um Afrikas ökonomische und dann auch politische und menschliche Zukunft zu ihrer Sache zu machen. Das ist keine politische Frömmelei, sondern tatsächlich der einzige Weg, der den Betroffenen wirklich hilft - und sie davon abhält, Opfer skrupelloser Menschenhändler zu werden. Denn sie sind es, die die Opfer von Lampedusa auf dem Gewissen haben.

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