Kommentar zur WM 2014 in Brasilien Auf dem Pulverfass

Bonn · Zeit, dass sich was dreht: Ab Donnerstagabend rollt der Ball in Brasilien. Seit Wochen fiebern Millionen von Fußballanhängern in Deutschland der Weltmeisterschaft entgegen. Ebenso die Eventgucker, deren Zahl seit der Heim-WM 2006 in die Höhe geschossen ist.

Der Faszination des sportlichen Spektakels kann sich hierzulande kaum jemand entziehen. Fast jeder Bundesbürger drückt der ebenso sympathischen wie attraktiv Fußball spielenden deutschen Nationalelf und dem netten Herrn Löw die Daumen. Und freut sich auf spannende Spiele - trotz der vielen negativen Begleiterscheinungen, die das größte Fußball-Ereignis in gleichem Maße wie die Olympische Bewegung erfasst hat.

Die unguten Gefühle rühren im Kern daher, dass Geld die Welt regiert. Längst auch die des Sports. Von bequemen VIP-Sesseln aus werden Fifa-Chef Joseph Blatter und seine selbstherrlich wirkende Funktionärsriege mit freudigen Mienen betrachten, wie die Ballkünstler dem Weltverband weitere Reichtümer in die Kassen spülen.

Das Kontrastprogramm zum Geschehen in den Ehrenlogen läuft unweit der WM-Stadien, die mit Millionengeldern der brasilianischen Steuerzahler auf modernste Standards getrimmt worden sind: In den Favelas herrschen Not und Kriminalität. Dagegen hat auch Staatschefin Dilma Rousseff kein schnell wirkendes Rezept. Immerhin wirkt sie im Vorgehen gegen Korruption resoluter als ihre Vorgänger und hat die Verringerung der Kluft zwischen Arm und Reich als Kernziel ihrer Politik ausgegeben.

In den Elendsvierteln lodert ein Feuer der Unzufriedenheit und Wut über korrupte Politiker und machtgierige Funktionäre, das sich jederzeit zu einem Flächenbrand ausweiten kann. Vor einem Jahr haben die Ausschreitungen mit Schießereien und Straßenschlachten am Rande des Confed-Cups, der als WM-Generalprobe diente, böse Ahnungen aufkeimen lassen.

Ein frühzeitiges WM-Aus der Selecao, der erfolgreichsten Nationalmannschaft der Welt, von der die Brasilianer den sechsten Titel erwarten, könnte eine Eskalation der Gewalt zur Folge haben. Nicht nur deshalb ist den Gastgebern eine erfolgreiche WM zu wünschen. Auch, weil das "Land des Fußballs" als Inbegriff für Eleganz und Leichtigkeit des Spiels steht. Gegner Deutschlands können die Brasilianer - so will es der Spielplan - ohnehin erst im Halbfinale werden.

Obwohl die Demonstrationen des Unmuts an den Tagen vor dem heutigen Eröffnungsspiel zwischen den Gastgebern und Kroatien zurückgegangen sind, besteht kein Zweifel daran, dass die WM auf dem Pulverfass stattfindet. Die Lunte reicht bis zu den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro. Es ist Zeit, dass sich was dreht.