Kommentar Aufruhr in der arabischen Welt - Kampf um die Köpfe

Sicher ist der Ärger über den provokativen Islam-Hass- Film unter vielen Muslimen groß. Eine derartige Verunglimpfung ihres Propheten überschreitet für viele eine rote Linie. Hinter so manchem Sturm auf die westlichen Vertretungen dürfte auch einiges mehr stecken als eine unmittelbare Wut auf das Machwerk im Netz.

Es ist ein ganzer Rattenschwanz. Nicht nur der angestaute Frust über eine oft westliche Arroganz, die selbst vor dem für die Muslime Heiligsten nicht halt macht, aber die auch im politischen Umgang täglich ihren Ausdruck findet. Oder das kollektive Geschichtsbewusstsein westlicher militärischer Interventionen in der Region.

Und auch die Ohnmacht über das eigene Unvermögen.Der arabische Frühling produziert nicht schnell genug die gewünschte positive Veränderung und hat nicht über Nacht Arbeitsplätze und Wohlstand geschaffen. In Ländern wie dem Sudan hat er noch gar nicht Einzug gehalten.

Apropos Arabischer Frühling, dessen Ende viele so gerne auch im Zusammenhang mit den Botschaftsstürmen prophezeien. Es gibt einen neuen Faktor, mit dem nun in dieser Region kalkuliert werden muss, und dass ist die arabische öffentliche Meinung.

Erinnern wir uns an den dänischen Karikaturen-Streit vor sechs Jahren. Der gestürzte ägyptische Diktator Hosni Mubarak hatte die damaligen Proteste kurz zuzulassen, um dann autokratisch den Deckel darauf zu setzten und dann sein übliches Credo: "Wenn ihr Sicherheit und Stabilität wollt, dann unterstützt mich", verlauten zu lassen. Kurzum: Die Diktaturen hatten aus den dänischen Karikaturen Nutzen gezogen.

Sogar in Syrien durfte damals demonstriert werden. Die heutigen Regierungen und politische Parteien und Bewegungen in Kairo, Tripolis oder Tunis müssen sich dagegen demokratisch legitimieren. Sie wollen gewählt werden. Sie müssen die öffentliche Meinung mit einkalkulieren. Und genau deswegen ist die Reaktion auf den neusten Anti-Islamfilm auch ein Kampf um die Köpfe. Wer gewinnt ihn?

Die radikalen Islamisten und Salafisten, die vor den Botschaften ihr Unwesen treiben? Militante islamistische Gruppierungen à la Al-Kaida, die nun ihre Chance wittern auf den Zug aufzusteigen, nachdem sie mit dem Arabischen Frühling fast in Vergessenheit geraten waren?

Oder doch die moderaten, islamisch konservativen Bewegungen, wie die ägyptische Muslimbruderschaft, die ursprünglich auch von dem Ärger gegen den Film profitieren wollte und die versuchte, diesen in einem friedlichen Millionen-Marsch zu kanalisieren, den sie dann aber in aller letzter Minute abgesagt hatte, aus Angst die Lage nicht kontrollieren zu können? Oder werden am Ende doch liberale und säkulare Kräfte einen Schritt nach vorne machen, weil viele Araber von dem Film genauso schockiert sind wie von der Reaktion darauf?

Schubladen von "der durchgedrehten islamischen Welt" zu öffnen, ist viel zu simpel. Es ist einfach, sich nur auf die paar hundert oder tausend Menschen zu konzentrieren, die die Botschaften medienwirksam in Schlachtfelder verwandelt haben. Der neuen Dynamik des Kampfes um die muslimischen und arabischen Köpfe wird diese Wahrnehmung allerdings nicht gerecht.

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