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Kommentar zum Konflikt im östlichen Mittelmeer: Beim Wort nehmen

Kommentar zum Konflikt im östlichen Mittelmeer : Beim Wort nehmen

In dem neu aufgeflammten Konflikt geht es um die Vormachtstellung in einer weltpolitisch wichtigen Region. Das Gas unter dem Meeresboden und die Nähe zum Suez-Kanal machen das östliche Mittelmeer auch wirtschaftlich zu einer Schlüsselgegend, kommentiert Susanne Güsten.

Der Gasstreit im östlichen Mittelmeer lässt den lange schlummernden Grenzstreit zwischen Türkei und Griechenland gefährlich eskalieren. Beide Nato-Partner beharren auf unrealistischen Maximalforderungen und bereiten sich auf militärische Auseinandersetzungen vor. Die aggressive neue Außenpolitik der Türkei und die Bildung einer anti-türkischen Allianz in der Region verhärten die Fronten. Die Gründe für das türkisch-griechische Misstrauen werden sich nicht über Nacht aus der Welt schaffen lassen. Umso wichtiger ist es für EU und Nato, die Streithähne beim Wort zu nehmen, wenn sie ihre Bereitschaft zu Verhandlungen beteuern.

In dem neu aufgeflammten Konflikt geht es um die Vormachtstellung in einer weltpolitisch wichtigen Region. Wer im östlichen Mittelmeer stark ist, spielt im Syrien-Krieg ebenso mit wie in Libyen. Das Gas unter dem Meeresboden und die Nähe zum Suez-Kanal, einem Nadelöhr des Welthandels, machen das östliche Mittelmeer auch wirtschaftlich zu einer Schlüsselgegend.  Zusätzlich angeheizt werden die Spannungen durch den Zypern-Konflikt und den Krieg in Libyen, wo die Türkei die Regierung in Tripolis unterstützt, während Griechenland und Ägypten auf der Seite von Rebellengeneral Haftar stehen.

In ihrer öffentlichen Rhetorik stellen sich Türken wie Griechen als Opfer dar, das trotz des angeblich unfairen Verhaltens der jeweiligen Gegenseite die Probleme am Verhandlungstisch lösen will. Darin liegt eine Chance für Europa und die Nato. Weder die Türkei noch Griechenland wollen einen Krieg: Die wirtschaftlichen und politischen Schäden einer solchen Auseinandersetzung wären zu groß. Die Gefahr liegt darin, dass Politiker die Stimmung in ihren Ländern so aufpeitschen, dass ein Fehler oder ein Missverständnis wie ein Funke an einem Pulverfass wirken kann.

Der Westen hat ein starkes Interesse daran, dass dies nicht geschieht. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte die Lage Ende Juli durch Vermittlung zunächst beruhigen können, doch das reichte nicht aus, um einen Verhandlungsprozess in Gang zu setzen. Die EU könnte versuchen, einen Dialog zu starten, hat aber aus türkischer Sicht ein Glaubwürdigkeitsproblem, weil neben den Mitgliedern Griechenland und Zypern auch Frankreich fest im anti-türkischen Lager steht. Deshalb wird es wohl auf eine Vermittlungsaktion der Nato hinauslaufen. Die Allianz hat keine Zeit zu verlieren.