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Kommentar: Bushidos Tabubruch - Geschäfte mit dem Hass

Kommentar : Bushidos Tabubruch - Geschäfte mit dem Hass

Der Skandal um Bushido hat eine ökonomische Basis. Der Mann ist 34 und hat seine besten Jahre als kommerziell erfolgreicher Rapper lange hinter sich. Also rief er sich mit einem gezielten Tabubruch in Erinnerung.

Seine textlichen Beiträge in dem Video "Stress ohne Grund" haben den Boulevard elektrisiert, die Politik alarmiert und werden womöglich die Gerichte beschäftigen. Bushido verfolgt das mediale Getöse naturgemäß mit Genugtuung. Am Samstag kommentierte er die Absetzung des Videos bei YouTube mit den triumphierenden Worten: "Auch wenn YouTube das Video entfernt hat, haben wir die 1.000.000 Klicks in unter 48 Stunden geknackt!!!!"

Natürlich verschafft jede, auch die seriöse Beschäftigung mit Bushido, dem in Bad Godesberg als Anis Mohammed Yussuf Ferchichi geborenen Sohn eines Tunesiers und einer Deutschen, Publizität. Die Werbung kostet ihn keinen Cent. Doch das Thema lässt sich nun einmal nicht mit Schweigen und Nichtbeachtung aus der Welt schaffen.

Bushido war zu seiner besten Zeit erfolgreich, weil er das Bedürfnis eines Teils der Jugend bediente, sich über Musik zu definieren: als böse und unbürgerlich. Das gefiel sogar manchen Gymnasiasten. Bushido begleitete ihre rebellische Phase, zumeist ohne bleibende Spuren.

Die unappetitlichen Spitzen des Rappers gegen Politiker wie Klaus Wowereit und Claudia Roth müssen als das benannt werden, was sie sind: gewaltverherrlichende Fantasien, die mit der vom Grundgesetz garantierten Kunstfreiheit nicht vereinbar sind. Was wäre, wenn öffentlicher Diskurs, Protest und Kritik in diesem Fall ausblieben? Eine selbstbewusste Zivilgesellschaft muss sich positionieren. Ein windelweiches Alles-ist-erlaubt verbietet sich.

Bushido, das muss man dabei in Kauf nehmen, betrachtet das Schauspiel mit Vergnügen; er hofft davon zu profitieren. Er weiß, was er tut, denn er ist ein strategisch hocheffizientes Chamäleon. Anfangs flirtete er mit der Kriminalität, seine Knast- und Außenseiter-Ästhetik war hochpathetisch, er gab sich sexistisch, schwulenfeindlich und aggressiv.

Aber auch anpassungsfähig. Als er seine Einstellung zur Homosexualität 2005 in einem Lied wie folgt ausdrücken wollte: "Ihr Tunten werdet vergast", hagelte es Proteste. Bushido knickte ein und dichtete für die Platte "Staatsfeind Nr. 1" um: "Ihr Tunten werdet verarscht."

Später gab er sich geläutert, Homophobie und Rauchen waren für ihn passé. Bushido drängte mit Macht ins bürgerliche Milieu, er erhielt 2011 den Integrations-Bambi und absolvierte ein Praktikum im Bundestag. Politiker wollten mit ihm fotografiert werden. Die bürgerlichen Medien interessierten sich für den Unternehmer Bushido (Musik, Merchandising, Immobilien). Jetzt lernt die Öffentlichkeit, was die Maskenspiele und virtuos inszenierten Häutungen in Wahrheit bedeuten: nichts.