1. Meinung
  2. Kommentare

Kommentar zur Bildungspolitik in Deutschland: Chance vertan

Kommentar zur Bildungspolitik in Deutschland : Chance vertan

Bayern und Baden-Württemberg verlassen den Nationalen Bildungsrat, der bundesweit mehr Vergleichbarkeit und Transparenz in der Bildung herstellen sollte. Die Länder vertun eine Chance, kommentiert Jan Drebes.

Es mag ja verständlich sein, dass die Länder in der Debatte um einheitlichere Bildungsstandards und mehr Transparenz empfindlich bis allergisch reagieren. Schließlich ist die Bildung seit jeher ihre Kernkompetenz, ihr Heiligtum und ihre letzte Bastion in Abgrenzung zum Bund. Und richtig ist, dass die Bundesbildungsministerin aus dem Berliner Regierungsviertel nicht so gut einschätzen kann, was es für Angebote in den sehr unterschiedlichen Regionen des Bundesgebietes braucht, um gute Bildung zu gewährleisten. Ein zentralistisches System wäre also der falsche Weg, aus vielen – auch historischen – Gründen.

Doch das, was sich allen voran Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) da gerade leisten, ist kurzsichtig und zeugt von kleinlichem Gartenzaun-Denken. Ihre Absage an den Nationalen Bildungsrat ist nur in ihren eigenen Ländern vermittelbar. Bayern und Baden-Württemberg, die in Bildungsrankings häufig auf den vorderen Plätzen landen, sorgen sich um ihre hohen Standards. Das ist legitim. Aus diesem Grund aber ein lediglich beratendes Gremium dem Erdboden gleichzumachen, das noch gar nicht gestartet war und wichtige Probleme lösen sollte, muss auf Ablehnung stoßen.

Denn seit Jahrzehnten ärgern sich Eltern darüber, dass ihre Kinder Probleme in der Schule bekommen, wenn sie von einem Bundesland ins andere ziehen. Uni-Absolventen kämpfen mit der Anerkennung ihrer Abschlüsse. Auszubildende sind nicht so mobil wie in anderen Nationen, weil die Lehrinhalte je nach Region unterschiedlich sein können. Moderne Bildungspolitik muss diese alten Hindernisse beseitigen können. Die Länder aber torpedieren ein weiteres Mal jegliche Fortschrittsversuche. Damit vertun sie eine Chance, Deutschland insgesamt voranzubringen.

Die Gegner des Nationalen Bildungsrates setzen auf einen Staatsvertrag der Kultusministerkonferenz, der aber nur den Bereich Schule abdecken würde. Eine einheitliche Strategie ist so nicht machbar.

Insgesamt müssen die Länder sich daher nicht wundern, wenn das öffentliche Vertrauen in sie als Bildungsverantwortliche auf einen Tiefpunkt gefallen ist. Sie leisten damit genau der Debatte Vorschub, die sie unbedingt verhindern wollen: Ob mehr zentralistische Elemente im deutschen Bildungssystem nicht doch der bessere Weg wären.