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Coronavirus: Kommentar zu Einschränkungen und Absagen von Veranstaltungen

Kommentar zu Einschränkungen wegen Corona : Ein Kraftakt

Die Krise, die das neuartige Coronavirus umgibt, ist eine jener seltenen Geschehnisse, die jeden einzelnen im Alltag berühren. Konzertkarten werden nutzlos. Gebuchte Urlaube ebenso. Es schmerzt, kommentiert unser Autor.

Das neuartige Coronavirus ist eines jener sehr seltenen Ereignisse, das in seinen Auswirkungen ausnahmslos jeden in seinem Alltag berührt. Die Konzertkarten – nutzlos. Das Vereinstreffen – abgesagt. Der gebuchte Urlaub – unklar, ob er stattfinden kann. Wer hat noch nicht im Büro sorgenvoll auf den schniefenden Kollegen geblickt? Wer hat sich im Supermarkt noch nicht gefragt, ob er doch lieber eine Packung Nudeln mehr in den Wagen legen soll? Man gibt sich nicht mehr die Hand. Man zieht sich in seine vier Wände zurück. Man sagt den Besuch bei den alten Eltern ab, zu ihrem eigenen Schutz – obwohl man doch gerade in diesen sorgenvollen Zeiten für sie da sein will. Es schmerzt. Es ärgert. Es kann Unternehmern die Existenz kosten. Und doch ist es richtig.

Noch immer fragen sich manche, ob wir einer kollektiven Hysterie verfallen sind. Schließlich überleben wir jedes Jahr eine Grippewelle, und im Zusammenhang mit dem neuen Virus Sars-CoV 2 gab es Stand Donnerstagabend „nur“ rund 2400 Infektionen und fünf Todesfälle. Doch diese Zahlen werden sich, wie der Blick nach China, Italien oder Südkorea zeigt, sehr bald drastisch erhöhen. Ohne Gegenmaßnahmen werden die Infektionen exponentiell zunehmen.

Eine Beispielrechnung, was das bedeuten kann: Ein Infizierter hat zwei Menschen angesteckt. Diese stecken je zwei weitere an – dann sind es schon vier Neuinfektionen. Im nächsten Schritt acht, dann 16, dann 32, dann 64 und so weiter. Schon mit der 22. Verdoppelung sind die zwei Millionen überschritten. Wenn nun, wie Virologen annehmen, etwa 20 Prozent aller Infizierten schwer erkranken, sind das 400 000 Menschen – fast so viele wie es in Deutschland Krankenausbetten gibt. Geschieht dies alles gleichzeitig, würde das Gesundheitssystem kollabieren. Das ist keine Panikmache, sondern Mathematik.

Das Tückische an Sars-CoV 2 ist zudem: Es ist neu, dem Körper unbekannt, und viele Menschen werden unbemerkt zu Überträgern. Symptome treten, wenn überhaupt, erst fünf bis sechs Tage nach der Infektion auf – ein Zeitraum, in dem man viele andere anstecken kann. Zudem überlebt der Erreger für viele Stunden auf Türklinken, Arbeitsflächen oder Toilettenspülungen. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis das Virus jedem einzelnen sehr nahekommt. Und so lange es keinen Impfstoff gibt, sind wir weitgehend schutzlos.

Entscheidend ist jetzt der Faktor Zeit. Es ist wichtig, schnell und entschlossen gegenzusteuern, um die Verbreitung des Virus in die Länge zu strecken, also die Exponentialkurve abzuflachen. Eigentlich klingt es ganz simpel: Menschen müssen anderen Menschen fernbleiben. Die Absagen von Großveranstaltungen waren richtig, konsequenterweise müssten auch zumindest die weiterführenden Schulen vorübergehend schließen. Und jeder einzelne muss beitragen.

Je schneller drastische Maßnahmen ergriffen werden, desto kürzer müssen sie am Ende bestehen bleiben. Wenn Politik und Gesellschaft das in den kommenden Wochen durchhalten, können wir nach den Osterferien Bilanz ziehen und nach vorne blicken. Vielleicht sind die größten Einschränkungen dann gar nicht mehr nötig, wenn die Neuinfektionsrate beherrschbar ist und die Erkrankten gut behandelt werden können.

Und dann muss der Staat auch dafür sorgen, dass etwa in ihrer Existenz bedrohte Unternehmer oder auch Landräte, die Veranstaltungen abgesagt haben und nun teure Regressforderungen fürchten, finanziell unterstützt werden. Gefragt sind nun Geduld, Rücksicht und Verzicht. Es wird ein Kraftakt.