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Kommentar zum Weltklima-Gipfel: Das Ultimatum

Kommentar zum Weltklima-Gipfel : Das Ultimatum

Es ist erstaunlich: Der heute in Paris beginnende UN-Weltklima-Gipfel soll einer bald Acht-Milliarden-Menschheit die Lebensgrundlagen erhalten, doch das Thema interessiert Medien und Menschen eher randläufig.

Die Politik scheint immerhin Wissenschaft nicht mehr zu bezweifeln: Ja, der auf fossiler Basis wirtschaftende und mobile Mensch hat die globale Erwärmung verursacht, aber auch der, der Regenwälder für den Soja-Anbau brandrodet. Ja, die Staaten müssen die Notbremse ziehen, auch in Demokratien, wo nicht physikalische Zeitzwänge den Takt vorgeben, sondern eher Legislaturperioden und Wiederwahl. Insofern hätten es Diktaturen vermutlich leichter, das zugleich Unzumutbare wie Unvermeidbare durchzusetzen. Aber so weit wird es nicht kommen. Die Dinge über unseren Köpfen sind so weit fortgeschritten, dass die Physik der Politik jetzt zwar ein Ultimatum stellt - aber eines, das selbst Hexer der Diplomatie nicht erfüllen könnten. Es bedarf keiner Prophetie: Die in massiven Interessengegensätzen verhedderte Weltgemeinschaft wird einstimmig in Paris nichts beschließen, was einen "gefährlichen Klimawandel" verhindert.

Eine Verringerung der Treibhausgas-Emission um 85 Prozent in den Industriestaaten bis 2050 gegenüber dem Jahr 1990, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, bedeutet den Ausstieg aus der Fossilwirtschaft. Was das für eine Gesellschaft bedeutet, hat den Menschen noch niemand deutlich gesagt. "Dekarbonisierung bis 2050" ist so ein "volksnaher" Zauberbegriff, unter dem wir uns heute nur einen Taxifahrer mit Elektroauto und Solarzapfstelle vorstellen können, und wer immer schon einmal für 29 Euro nach Venedig fliegen wollte, sollte sich beeilen. Wenn Paris tatsächlich erfolgreich wäre, würde das - von Macht-Euch-keine-Sorgen-Reden berieselte - Volk staunen: Zur Klimarettung braucht es doch mehr als Energiesparlampen und den Verzicht auf Erdbeeren im Dezember.

Am Ende eines - ideologiefreien - Beratungstages über die gesicherte Energieversorgung einer Industriegesellschaft könnte eine überraschende Erkenntnis stehen. Der kompromisslose Ausbau der Erneuerbaren Energien ist der klimafreundliche Zukunftsweg, aber er lässt sich erst übermorgen realisieren. Und was ist morgen? Viel spricht dafür, dass eine nüchterne Risikobewertung die Gasabfälle der fossilen Energieerzeugung gefährlicher einstuft als die radioaktiven der Atommeiler mit ihrem zusätzlichen GAU-Restrisiko. Vereinfacht: Klimawandel wäre schlimmer als Tschernobyl plus Fukushima, und die Energiewende auszurufen, war richtig, aber in der Heute-auf-Morgen-Version voreilig. Der Hinweis, dass die Erderwärmung schon mehr Menschenleben gekostet hat als alle Reaktorhavarien, spiegelt nur, wie sehr eine redliche Risikoanalyse fehlt, deren Ergebnis den Menschen ungeschönt mitgeteilt werden müsste. Denn bis heute weiß der Stromkonsument nicht, was sich hinter seiner Steckdose tatsächlich für ein Cholera-oder-Pest-Risiko auftürmt. Unterm Strich: Was für eine Energie-Lebenslüge.

Die Überbringer schlechter Nachrichten zu töten, war in der griechischen Antike recht beliebt. Kaum anders wurden jahrzehntelang Klimaforscher behandelt: als Boten unangenehmer Nachrichten aus dem wissenschaftlichen Erkenntnislabor. Die unfreiwilligen Politikberater haben deshalb zurückgeschaltet. Was die Politik aus den Fakten macht, ist deren Sache. Forscher sind aber auch Menschen mit Kindern und Enkeln. Das "Who-is-who" der internationalen Erdklima-Experten hat deshalb die Earth League gegründet, eine Art Bürgerforum. Dort sagen sie, dass das Klimarisiko sehr weit fortgeschritten und viel größer sei, "als wir es sonst akzeptieren, etwa für Atomkraft, Terrorismus oder Krankheitsepidemien".

Es ist ja keine neue Erkenntnis, dass Endverbraucherpreise nicht die ökologische Wahrheit sagen. Bei der Energie werden die einen (Atommüll) vergesellschaftet, die anderen (Treibhaugase) anonym globalisiert. Letztere haben nun Täter-Opfer-Fernbeziehungen geschaffen, die das Völkerrecht sprachlos machen und letztlich auch einen Erfolg in Paris verhindern. Auch das deutsche Asylrecht blendet die nahe Zukunft noch aus: Sind Klimaflüchtlinge wirklich Wirtschaftsflüchtlinge?

Leider werden selbst in hochentwickelten Ländern, gelegentlich als "Wissensgesellschaften" bezeichnet, falsche Vorstellungen verbreitet. Zum Beispiel die: Wenn die Staaten sich auf eine fossile Abstinenz einigen, die dem Zwei-Grad-Ziel entspricht, wäre das zwar eine diplomatische Sternstunde, aber auch eine Suggestion, die Sicherheit verspricht, die gar nicht existiert. Sie beträgt gerade einmal 66 Prozent. Gefährlicher Klimawandel könnte auch früher beginnen. So wird die Wirklichkeit die Staaten neben der Emissionsvermeidung vor allem zur Klimaanpassung zwingen. Das wird absehbar eine teure Großbaustelle - teurer jedenfalls, als wenn die Welt vor Jahrzehnten mit dem fossilen Entzug angefangen hätte.