Kommentar Der abhängige Dax

Schon wieder ist der Dax kurzfristig über die 10 000 Punkte gehüpft, um danach wieder abzustürzen. Und wie schon häufig ist die EZB die Triebfeder für die Kurse: Wenn deren Präsident Mario Draghi spricht, lauschen die Börsianer.

Enttäuscht er ihre Erwartungen, wie das gestern wieder der Fall war, dann stürzt der Dax wieder ab. Und so geht das hin und her, bis dann tatsächlich einmal die umstrittene Entscheidung für den Kauf von Staatsanleihen fallen wird.

Einige Börsianer hatten schon gestern darauf gehofft, Hinweise auf den Zeitpunkt zu erfahren. Aus lauter Vorfreude trieben sie den Dax über die 10 000 Punkte, sogar auf einen neuen Rekordstand, um dann enttäuscht zu verkaufen. Dass Draghi den Erwartungen einiger Anleger nicht entsprochen hat, zeigt, dass er sich nicht von den Finanzmärkten treiben lässt. Das zumindest ist eine beruhigende Nachricht. Denn die Börsianer sind mittlerweile von der EZB abhängig. Daran ist die Notenbank selbst schuld: Sie hat die Zinsen auf das niedrige Niveau gesenkt, deshalb gibt es, möchte man ein wenig mehr Rendite erwirtschaften, kaum Alternativen zu einer Anlage in Aktien.

Allerdings darf man sich von den 10 000 Punkten nicht blenden lassen. Denn wenn man einmal vom Absturz im Oktober absieht, dann schwankt der Dax seit Juni, seit seinem ersten Sprung über die 10 000 Punkte, zwischen 9000 und 10. 00 Punkten hin und her. Außerdem darf man nicht vergessen: Der Dax ist ein sogenannter "Performance-Index", will heißen: In seine Berechnung fließen die Dividendenzahlungen mit ein.

Betrachtet man die reine Kursentwicklung, dann sieht es weit weniger dramatisch aus: Als Kursindex berechnet, ist der Dax von seinem Höchststand am 7. März 2000 weit entfernt. Da stand er bei 6266 Punkten, gestern erreichte er - kurzzeitig - 5187 Punkte. Da scheint also immer noch Luft nach oben. Vergleichbare Indizes in anderen Ländern werden als Kursindizes berechnet, etwa der amerikanische Dow Jones-Index. Der stand im März 2000 bei gut 10 000 Punkten und ist seither auf etwa 17 800 Punkte geklettert.

Viele Anleger werden wohl oder übel in Aktien investieren. Doch da positive Nachrichten ausbleiben, wird der Dax weiter stark schwanken. Die Abhängigkeit von der Geldpolitik der EZB ist außerdem gefährlich: Denn so fließt zwar viel Liquidität in die Märkte, an Geld ist kein Mangel. Aber die Unternehmen sind (noch) nicht bereit, dieses Geld zu investieren.

Das liegt auch daran, dass die Banken für Kredite viel mehr Eigenkapital hinterlegen müssen, deshalb ist das für sie weniger attraktiv geworden. Und je mehr Liquidität ohnehin im Markt ist, desto weniger werden auch die Staaten die Notwendigkeit für strukturelle Reformen sehen. So bleibt also das Risiko, dass dem Dax die Luft ausgeht, wenn es nicht bald wirklich positive Nachrichten gibt.

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