Kommentar Der SPD-Parteitag - Die Alternative

Eine Person ersetzt keine Partei. Und keine Partei steht für ein ganzes Land. Aber Peer Steinbrück hat am Sonntag auf dem SPD-Wahlparteitag überdeutlich gemacht, welche Alternative es im Bundestagswahlkampf gibt. Er oder sie. Er oder Angela Merkel.

Steinbrück hat phasenweise so konkret geredet, als sei es schon eine Regierungserklärung, und er hat die Seele der Partei erreicht. Dass Beifälle nach Kandidatenreden nach ihrer Länge bemessen werden, dass ein Sozialdemokrat von sozialer Gerechtigkeit sprechen muss, alles geschenkt.

Wie wichtig ihm selbst seine Rede war, belegt nicht nur die Reihe nervöser Versprecher, sondern vor allem der Mut, die Genossen für die Belastungen und Zumutungen aus seiner Vortragstätigkeit faktisch um Entschuldigung zu bitten. Steinbrück selbst war es am Sonntag, der Vertrauen als wichtigste Kategorie für den Wahlerfolg bezeichnete.

Genau dieses Vertrauen muss die SPD für ihren Kandidaten noch entwickeln. Hannover I, der gestrige Wahlparteitag, war dazu der erste Schritt. Hannover II, der so sehnlich erhoffte Wahlsieg bei der Landtagswahl im Januar in Niedersachsen, soll der nächste sein. Kommt es dazu, wird die Vortragsaffäre vergessen sein.

Kommt es dazu nicht, wird es äußerst schwer werden, Partei und Kandidat so zusammenzuhalten, dass ein Wahlsieg wirklich in Reichweite kommt. Der Herausforderer von Angela Merkel weiß, dass der Rückhalt seiner Partei ein notwendiger, aber keineswegs hinreichender Faktor für einen Erfolg ist.

Nicht Parteimitglieder entscheiden über seine Kanzlerschaft, sondern die Wähler. Und dort ist die Kategorie Vertrauen mindestens so angeknackst wie in der Sozialdemokratie selbst. Steinbrück weiß auch, dass seine Vortragsaffäre nicht, als wäre es ein Gerichtsverfahren, mit dem Satz: "Der darf das" aus der Welt zu schaffen ist.

Er muss also, gewissermaßen, noch mal von vorn anfangen. Das hat er gestern in Hannover - zugegeben: mit Geschick - versucht. Er hat das Sozialdemokratische künftiger Politik ausbuchstabiert. Das hat erkennbar versöhnend gewirkt. Das Wahlergebnis ist dafür eindeutiger Beleg.

Die SPD braucht einen klaren Koalitionspartner. Sie hat ihn mit den Grünen - wenn es denn zusammen reicht. Angela Merkel muss um ihren Partner bis zuletzt zittern. Das macht die Sache spannend. Steinbrück will den ganzen Wechsel, keinen halben. Er wird das mit allen Mitteln der Polarisierung tun, um zu verhindern, dass Merkel mit einem "Schlafwagen-Wahlkampf" durchkommt.

Sigmar Gabriel, der Parteichef, hat am Sonntag gemeint, die soziale Kompetenz werde der SPD ohnehin zugeschrieben. Mit Steinbrück stehe jetzt auch ein Kandidat für wirtschaftliche Kompetenz. Dass er mit Geld umgehen kann, hat er bewiesen. Wenn das kein Spott bleibt, haben er und die SPD eine Chance.

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