Die Atom-Katastrophe in Japan: Kettenreaktionen

Es wird zurzeit viel geredet über das, was nicht nur Deutschland aus der japanischen Havarie lernen könnte. In Talk-Shows, egal auf welchem Sender, dreht sich alles um Reaktor, Restrisiko, Radioaktivität. Leider sitzen dort meist nur Politiker oder Energie-Konzernchefs.

Warum bieten nicht wenigstens unsere Maischbergers und Illners ihren Gebührenzahlern einmal einen verständlichen Physiker-Stammtisch? Also Leute, die wissen, wovon sie reden. Damit es Pro und Contra gibt, wären Atom-optimistische wie -skeptische Physiker willkommen - und wenigstens ein Philosoph. Die höhere Warte sollte nie fehlen.

Eine Ausnahme: Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Physikerin, wäre interessant, aber nur als Physikerin. So könnte auch das Fernsehen einmal Volkshochschule spielen und nicht alles der "Sendung mit der Maus" überlassen. Oder scheitert eine solche Talkshow-Besetzung im öffentlich-rechtlichen TV an den Aufsichtsräten, wo die großen Parteien nur "eher zufällig" vertreten sind?

Bisher wird viel über Sicherheit nachgedacht, und die bekannten Gäste sagen, was sie schon immer gesagt haben. Keiner hat bisher gesagt, dass die Verkleinerung des Restrisikos bei der Kernenergie mehr Geld gekostet, die Rendite der Aktionäre geschmälert oder die Rechnung der Stromkunden erhöht hätte.

Nur die "Physikerin" hat es indirekt in diesen Tagen angedeutet, dass da ein Zusammenhang bestehen könnte: "Energie muss bezahlbar bleiben." Deutschlands Alt-Reaktoren haben deshalb eine so dünne Betonhülle, dass sie vielleicht den Absturz eines Segelflugzeugs überstehen. Mehr nicht. Warum sollte es auch in der Energiebranche anders zugehen als in anderen Industriezweigen? Sicherheit kostet und das Schließen der letzten Lücken überdurchschnittlich.

Letztlich gründet sich die gesamte moderne Zivilisation auf preiswertem "Strom aus der Steckdose". Industrien und - die meisten - Endverbraucher interessiert indes nicht, dass hinter der Steckdose fehlende Atommüll-Endlager sowie erhebliche Restrisiken oder eine mit Treibhausgasen geschwängerte Atmosphäre stehen.

Ob der Mensch vor Jahrmillionen aus Vegetationsleichen entstandene fossile Brennstoffe verbrennt oder mit dem Feuer der Atome hantiert: In beiden Fällen werden Hypotheken für die Zukunft aufgenommen, zahlen künftige Generationen die Zechen für gasförmigen oder radioaktiven Müll. Insofern war die Energierechnung nie vollständig.

Die japanische Tragödie sendet jedoch nicht nur die Botschaft, dass Kernenergie eine arg riskante Option zur Energieversorgung bleibt. Der Ballungsraum Tokio spiegelt heute bereits die Zukunft anderer Erdwinkel wider.

Die Eckdaten der Welt lassen erahnen, wie sehr sie durch schieres Wachstum in allen Bereichen immer weiter zusammenrückt. Nicht nur via Internet. Menschen, Kraftwerke, Revolutionen, Flüchtlinge, Rohstoffe, Megastädte, Währungen, Viren - nur einige Stichworte, hinter denen eine hochkonzentrierte und brisante Mischung steckt.

Sie enthält das Potenzial für vielerlei Kettenreaktionen. Die allgemeine Verwundbarkeit, nicht nur durch Naturkatastrophen oder atomare Restrisiken, ist rapide gestiegen, weil der Raum für verkraftbare Folgen so sehr geschrumpft ist.