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Kommentar: Die Bundestagswahl - Noch 100 Tage

Kommentar : Die Bundestagswahl - Noch 100 Tage

Die Bundestagswahl rückt unerbittlich näher, und selten war sie so fern. Exakt 100 Tage sind es noch bis zum 22. September, doch von Wahlkampfstimmung keine Spur. Von Wechselstimmung schon gar nicht. Die Deutschen, jede Umfrage zeigt das, fühlen sich zumindest erträglich regiert, und keine Ministeraffäre wird daran etwas ändern.

Und das liegt nicht nur an der Kanzlerin. Angela Merkel hat schon die Wahlauseinandersetzung von 2009 so geführt, dass es niemand merken sollte. Schlafwagen-Wahlkampf hat man das damals genannt. Im Schlafwagen kommt man nicht an die Macht, aber im Schlafwagen kann man an der Macht bleiben.

Diesmal macht es Merkel ein bisschen anders. Sie zeigt einfach, dass sie da ist, watet durchs Hochwasser, mal hier, mal da, verspricht den einen mehr Kindergeld, den anderen eine Mietpreisbremse, gibt der Homo-Ehe mehr Rechte, um dann anderentags wieder den Euro zu retten. Das alles kann keiner so gut wie sie, denn sie ist die Amtsinhaberin.

Peer Steinbrück hätte dagegen angehen können, war er doch mal ein guter Finanzminister. Doch seit er Kandidat ist, wird er immer schlechter. Was viele für eine Anfangsunsicherheit hielten, der sichere Tritt in jeden Fettnapf, ist mittlerweile quasi zum Markenzeichen der Kampagne geworden.

Und auch wenn er meint, das seien die bösen Medien schuld: Diesen Makel wird der Mann aus Godesberg nicht mehr los. Seine Kandidatur wird mit dem Fettnapf gleichgesetzt. Das liegt auch daran, dass Kandidat und Partei nicht zueinander passen. Steinbrück mimt auf Mehrheitssozialdemokrat, holt gar Gegner der Agenda 2010 in ein Schattenkabinett, das so viele Unbekannte enthält, dass sie garantiert im Schatten bleiben werden. Während also Merkel Sozialdemokratin spielt, weigert sich der Herausforderer, ins Hochwasser zu gehen, weil so eine Art von plattem Wahlkampf ihm nicht liegt.

Diese Rechnung hat er erkennbar aber ohne das Volk gemacht. Das will klare und einfache Botschaften. Wenn überhaupt. Denn in diesem Wahlkampf gibt es noch nicht einmal ein Thema. Euro? Ausgelutscht! Soziale Gerechtigkeit, wie es Steinbrück und der SPD vorschwebt? Von Merkel, siehe oben, ausgebremst. Also wird es am 22. September entscheidend darauf ankommen, wer seine Mannen mobilisieren kann.

Schon heute steht fest: der Abstand zwischen Merkel und Steinbrück ist so groß, dass er uneinholbar ist. Selbst wenn die SPD mobilisieren könnte, was das Zeug hält. Das wird sie aber nicht schaffen, weil Kandidat und Partei zu weit auseinanderklaffen. Wenn es überhaupt eine Chance für Rot-Grün gibt, dann durch die Grünen. Aber sie ist jetzt schon nur hauchdünn. Und die FDP? Selbst wenn sie Merkel verloren ginge, würde sie weiterregieren. Mit einer SPD ohne Steinbrück. Und das wär' nicht mal die schlechteste Wahl.