1. Meinung
  2. Kommentare

Kommentar zu Hilfen nach der Flutkatastrophe: Die Macht der Nachbarschaft zeigt sich in der Katastrophe

Kommentar zu Hilfen nach der Flutkatastrophe : Die Macht der Nachbarschaft zeigt sich in der Katastrophe

In normalen Zweiten ist so etwas wie eine gesellschaftliches Kollektiv schwer fassbar. Individualität genießt Vorrang. Und Eigenverantwortung. In Krisenzeiten aber, meint unsere Autorin, machen sich Netzwerke bezahlt.

Die Gesellschaft, man kann auch sagen, das Kollektiv, in dem jeder Mensch lebt, ist in der Regel unsichtbar. Es kommt im Alltag nicht zu Bewusstsein, weil dieser aus Begegnungen mit einzelnen Menschen besteht – den unverbindlichen mit entfernteren Nachbarn und den konkreten mit Freunden und Kollegen. Die britische Premierministerin Margaret Thatcher hat das sogar zu der These geführt, es gäbe gar keine Gesellschaft, nur Individuen und Familien. Darum könne der Staat auch nur durch Individuen wirken, und Vorsorge müsse jeder für sich selbst tragen. 

Tatsächlich ist das ein Gedanke, der vielen schlüssig erscheint, wenn es an die langfristige Lebensplanung geht: Lebensversicherung, private Rente, Immobilien – als kluge Vorsorge gilt, was der Einzelne aus eigenen Kräften für die Absicherung seines weiteren Weges unternimmt. Das Kollektiv kommt in diesen Überlegungen gar nicht vor oder es ist eine abstrakte Größe, die der Einzelne nach Möglichkeit hinter sich lassen will. Jeder will schlauer sein als der Rest, will sich besser absichern, seine Vorteile wahren. 

Gesellschaft lebt von Eigeninitiative

Sich Gedanken über den eigenen Weg zu machen und alles zu tun, um auch im Alter Freiräume zu haben, ist natürlich nichts Schlechtes. Erst recht nicht mit Blick auf die demographische Entwicklung in Deutschland. Eine Gesellschaft lebt von der Eigeninitiative, vom Verantwortungsgefühl und der Kreativität jedes Einzelnen. Doch die Pandemie und jetzt auch die Hochwasser-Katastrophe machen plötzlich auch das Kollektiv sichtbar. Ob am Ende die Versicherung zahlt, wenn einem das Haus wegschwimmt, ist unklar. Wenn es aber einen guten Kontakt zu den Nachbarn gibt, wenn Leute fest eingebunden sind in Netzwerke wie Kirchenkreise oder Vereine, dann stehen in der Not schnell Helfer vor der Tür. Das kann man nun überall in den Hochwassergebieten beobachten. Und es wird vielleicht auch das Denken verändern. Die Stärke jedes Einzelnen hängt auch davon ab, wie fest er sich in soziale Zusammenhänge vor Ort einbindet.