Die Nato im Wandel: Neue Hausordnung

Die USA bewegen sich. Und weil sich die Nato-Führungsmacht zu neuen Zielen aufmacht, bewegt sich das gesamte Bündnis gleich mit. Mit Konsequenzen für Europa und Deutschland, das militärisch keine Führungsmacht ist (und auch nicht sein will), aber unter den Nato-Europäern wirtschaftlich die Nummer eins.

Am Ende sind es die neue Weltmacht China, der aufstrebende Schwellenstaat Indien oder das reformfreudige Singapur, die in einer zunehmend vernetzten Welt das stärkste Militärbündnis auf diesem Globus dazu bringen, die Verhältnisse im eigenen Haus neu zu ordnen.

Europa, auf Wiedersehen? So weit ist es nicht. Und so weit wird es hoffentlich nicht kommen. Doch die USA richten sich stärker in den asiatisch-pazifischen Raum aus, suchen neue (auch strategische) Partner und geben damit Europa zwangsläufig mehr Verantwortung für die Sicherheit auf dem alten Kontinent. Dabei wird es langfristig um mehr als nur um politische Verantwortung gehen.

Europa als Ganzes wie auch die europäischen Partner innerhalb der Allianz werden militärisch mehr stemmen müssen als bislang. Ob sie es ganz ohne Hilfe der USA tun werden, hängt auch von den Interessen Washingtons ab und der Art des Einsatzes. Beim Lufteinsatz gegen das Gaddafi-Regime in Libyen haben die USA schon einen Vorgeschmack geliefert, wie die neue Arbeitsteilung aussehen könnte.

Man überlasse Frankreich und Großbritannien (bei einem auffällig unentschlossenen Deutschland) das Feld, stehe aber auch mit dem Spektrum seiner militärischen Macht und Mittel bereit, wenn es eng werden sollte. Europa macht, Amerika wacht. Die Nato lebt dabei weiter. Und es ist mitnichten so gekommen, wie viele ihrer Kritiker gerne angenommen hätten.

Bündnisse sterben mit ihren Gegnern? Die transatlantische Allianz hat bewiesen, dass es auch anders geht. Doch die Nato von heute steht mehr denn je auf dem Prüfstand. Keine Frage: Sie ist die Restrisikoversicherung des Westens, seine Werte, seine Demokratie, seinen Wohlstand, seine Freiheit und seine Sicherheit im Zweifel auch mit militärischer Kraft zu verteidigen. Das ist die Verteidigungslinie bis zur Bündnisgrenze.

Darüber hinaus hat die Allianz in Afghanistan mit aller Härte zu spüren bekommen, was es heißt, westliche Werte und Interessen außerhalb des Bündnisgebietes zu verteidigen beziehungsweise eine archaische Stammeskultur nach westlicher Vorstellung ordnen zu wollen.

Ob der erste Teil der Mission dauerhaft erfüllt ist, muss sich noch zeigen. Ein sicherer Rückzugshafen für internationalen Terrorismus soll Afghanistan bekanntlich ja nie wieder werden. Bei Teil zwei dieses Feldversuchs aber hat sich das Bündnis übel die Finger verbrannt. Die Strategen der Allianz werden heilfroh sein, wenn die Nato ohne größeren Autoritätsverlust den Kampfplatz Afghanistan bis Ende 2014 verlassen hat.

Die Nato funktioniert weiter, auch, weil sie sich verändert hat. Mit ihrer Ausdehnung nach Mittel- und Osteuropa hat sie ihre Einflusssphäre vergrößert. Dabei ist militärische Stärke nicht alles, wie Afghanistan zeigt. Es braucht vor allem politischen Willen und Stehvermögen. Eine Lektion für die nächsten Einsätze, die unweigerlich kommen werden.

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