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Kolumne von Wolf-Dieter Poschmann: Die Rückeroberung des Hausrechts

Kolumne von Wolf-Dieter Poschmann : Die Rückeroberung des Hausrechts

Mit den sogenannten einfachen Wahrheiten lässt sich der Fan-Club-Konflikt im Fußball nicht lösen. Zu lange haben die Vereine den Ultras immer mehr Rechte eingeräumt, auch weil sie von ihnen profitieren, kommentiert Wolf Dieter Poschmann.

Ware Fußball gegen wahre Leidenschaft heißt die derzeit brisanteste Partie im Profi-Fußball. Wer hat die Macht im Stadion, wer die Hoheit, wer das Recht, den Ton anzugeben? Hier das am wirtschaftlichen Wachstum orientierte Unternehmen, dort die selbsternannten Hüter echter Fußballtradition. Immerhin eint beide das Interesse, den Fußball weiterzuentwickeln, nur ist die Ausrichtung diametral. Allerdings ist ein Träumer, wer die Kommerzialisierung aufhalten will. Eine auf Profitstreben ausgerichtete Gesellschaft wird um den Fußball keinen Bogen machen.

Wer vermeintlich glorreichen Zeiten hinterhertrauert, wird möglicherweise im Amateurbereich noch die eine oder andere Nische finden, alles andere ist Augenwischerei, so wie es naiv ist, die Kommerzialisierung auf eine Person zu reduzieren. Wo stünden denn die großen Traditionsclubs ohne intensive Bemühungen um die Geldvermehrung? Wo Schalke 04 ohne Gazprom, wo der BVB ohne die Rettungsmillionen 2005 eines dubiosen Investors namens Florian Homm und der späteren Umwandlung in eine Aktiengesellschaft, die 130 Millionen Euro in die Kasse spülten. Mit welchem Recht also erdreistete sich einst Hans-Joachim Watzke, einen Mäzen wie Dietmar Hopp zu attackieren, Ausgangspunkt aller diffamierenden Aktionen seiner Ultras?

Kritik am DFB nachvollziehbar

Selbstverständlich dürfen in einem freien Land Fangruppen die auf Profit orientierte Entwicklung kritisieren, die TV-bedingte Zerstückelung der Spieltage ohne Rücksicht auf die Fans. Auch ist die Kritik am DFB und dem Schlingerkurs beim Thema Kollektivstrafen nachvollziehbar, schon – weil auch historisch bedingt – Sippenhaft weder im Straf- noch im Zivilrecht vorgesehen ist, auch wenn der Anlass der neuerlichen Proteste, die Kollektivstrafe gegen BVB-Fans in Hoffenheim. auf eine Bewährungsstrafe zurückzuführen ist.

Das gibt aber bei allem Verständnis für die Wut und Solidarität der Fangruppen niemandem das Recht, alles auf eine Person abzuladen und diese in einer inakzeptablen Weise zu beleidigen. Das Argument, nur mit Übertreibung Gehör zu finden, ist ja putzig. Man stelle sich das mal im Alltagsleben vor. Klar, die Sprache im Sport ist manchmal deftig und grob, unten auf dem Rasen, wenn der Puls steigt und die Emotionen aus dem Ruder laufen, aber da gibt es einen Schiedsrichter und nach dem Abpfiff gibt man sich die Hand und tauscht das Trikot. Diese Ausnahmesituation auf die Tribüne übertragen zu wollen, ist unlauter. Da sind wir aber beim Kern des Problems: die Ultras beanspruchen die „Kurve“, die längst eine Gerade geworden ist, für sich, ihr Hoheitsgebiet, in dem ihre Spielregeln gelten, ein kleiner Para-Kosmos also.

Hausrecht abgegeben

„Wir haben viel zu lange die Augen verschlossen“, hat Bayern-Chef Rummenigge immerhin selbstkritisch gesagt. Die Clubs haben Zug um Zug ihr Hausrecht abgegeben, indem sie den Ultras pauschal ein Dauerkarten-Kontingent für „ihren“ Bereich überlassen, Aktionen sogar finanziell unterstützt haben, wie die Produktion der Choreografien, an denen sich die Vereine selbst berauscht und die sie in ihre Image-Clips übernommen haben. Die Überlassung von Räumlichkeiten samt Schlüssel im Stadion mag auch manche Pyro-Aktion erklären. Und dass ein Präsident heutzutage ohne Stimmen der Ultras kaum ins Amt gewählt werden kann, ist Alltag, wie auch der Umstand, dass manche längst den Sprung in den Vorstand geschafft haben. Das alles macht die Problematik nicht einfacher.

Was also tun? DFB und DFL brüsten sich mit ihrem Drei-Stufen-Plan – wie kurzsichtig. Die jüngsten Spiel-Unterbrechungen haben gezeigt, dass genau dieses Modell den Ultras in die Karten spielt: zwei Mal provozieren, zwei Mal Aufmerksamkeit, zwei Mal Unterbrechung, nur kein drittes Mal. Spielabbruch will keiner, noch nicht. Hat einer der Provokateure einmal darüber nachgedacht, dass sie praktizieren, wogegen sie antreten, die Kollektivstrafe? Da bestraft eine Minderheit die Mehrheit, um auf ihre Belange aufmerksam zu machen und massiv in den Spielbetrieb einzugreifen. Also: Weg mit dem Drei-Stufen-Modell, nicht auszudenken, wenn Ultras je nach Spielstand eine Partie in Stufe drei zum Abbruch bringen, so wie neulich mit Augenzwinkern freilich in Frankfurt auf einem Banner angeboten: „Adi (Hütter), meld’ Dich, wenn Du eine Spielunterbrechung brauchst“ . . .

Eine schwarze Herde

Und nein, Max Eberl, es sind keine „50 Hornochsen“, das sind Hunderte, die allein das Banner mit hochhalten, das sind Tausende, die feixend daneben stehen und Beifall klatschen statt einzugreifen. Hört auf, uns für dumm zu verkaufen, Ihr wisst sehr genau, dass es nicht ein paar schwarze Schafe sind, sondern eine schwarze Herde. Und hört auf, die Spieler von Bayern und Hoffenheim wegen ihres Ballgeschiebes zu heroisieren, ihr glaubt doch nicht ernsthaft, dass das bei einem Remis oder knappem Rückstand passiert wäre. Die Lösung kann doch nur lauten: weiterspielen, nicht kapitulieren vor der Provokation.

Aber wie wär es denn, wenn nach dem Abpfiff die Spieler auf den ritualisierten Gang in die Kurve verzichten, um ihrem Unmut Ausdruck zu verleihen, und, noch schöner, ein Mikro schnappen und anstimmen: „Wir sind Bayern und Ihr nicht“? Was aber tun die Vereine, die die größte Kreativität entwickeln, um noch den letzten Euro rauszupressen? Verweisen auf ein gesellschaftliches, kein fußballspezifisches Problem. Lächerlich, dann hätten ja alle Sportarten die gleichen Probleme, auch alle Fußballclubs. Weisen auf umtriebige Fanbeauftragte hin, bezahlt von Clubs, DFB und DFL, die sicher gut informiert sind und vorsichtig genug, um nicht als „Verräter“ den guten Kontakt zu verlieren.

Die harte Tour fahren

Wenn sich nicht beide Interessen-Lager auf einen gemeinsamen Verhaltenskanon einigen, wird es immer enger werden. Natürlich könnten Vereine die harte Tour fahren: personalisierte Tickets statt komplette Pakete, Banner-Kontrollen, Schlüssel-Entzug, bundesweite Stadionverbote. Oder vielleicht ein großes Rolltor vor der Tribüne, das bei Bedarf herabgelassen wird, mit der Aufschrift: „wegen Randale geschlossen“ und: „gesponsort von Burg-Wächter“. Dann aber verlören sie ihre Vorsänger, die Capos und ihre willfährigen Chöre, das ist genau das Druckmittel. Gleichwohl wird kein Weg daran vorbeigehen, dass sich die Clubs die Macht im Stadion, ihr Hausrecht, zurückholen.

Da helfen aber keine noch so knackigen Ansagen, wie von Karl-Heinz Rummenigge, eben kein Rumeiern. Aber beim FC Bayern München haben sie ja jetzt den Titanen im Vorstand, den Kahn Olli, dessen Spruch legendär ist: „Männer, wir brauchen….“. In fünf Wochen ist Ostern. Geduld, Geduld!

Wolf-Dieter Poschmann war langjähriger ZDF-Sportchef, als Langstreckenläufer startete er unter anderem für den LC Bonn. In seiner Kolumne „Poschis Position“ hinterfragt er Aktuelles und Entwicklungen im Sport.