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Kommentar: Die USA haben gewählt - Mission Rettung

Kommentar : Die USA haben gewählt - Mission Rettung

Wer durch die USA reist, erlebt ein faszinierendes Land. Ein Land der Ideale, ein Land der Gegensätze. Was die Amerikaner verbindet, sind der unbedingte Glaube an die Freiheit des Menschen und der Stolz, Amerikaner zu sein.

Doch dies ist nur ein Merkmal des heutigen Amerika. Ein anderes ist die Spaltung der Gesellschaft - zwischen Republikanern und Demokraten, zwischen Arm und Reich, Jung und Alt, Frau und Mann, zwischen Stadt und Land, Nord und Süd. Barack Obama bleibt Präsident dieser Vereinigten Staaten, die in zu vielen Bereichen nicht mehr vereinigt sind.

Die Inszenierung des Wahlsieges war so bunt und emotional, wie es in dieser Form wahrscheinlich nur die Amerikaner können. Obamas Frau Michelle stand mit ihrem Mann auf der Bühne, die beiden Töchter natürlich auch. Die Anhänger jubelten, schwangen Fähnchen.

Und doch war es anders als vor vier Jahren. Damals hatten die USA, ja große Teile der Welt die (irrationale) Hoffnung, der Heilsbringer Barack Obama würde nahezu sämtliche Probleme lösen können. Jetzt wissen alle, dass dies nicht der Fall ist. Und zudem wissen alle, dass die USA vor Herausforderungen stehen, die in den kommenden Jahren kaum zu bewältigen sind. Wenn überhaupt, geht dies nur gemeinsam.

Deshalb reichte Barack Obama schon zu Beginn seiner Siegesrede die Hand zur Versöhnung nach einem harten Wahlkampf. Er beschwor Amerikas Einheit. Wenn es nicht gelingt, die Zerrissenheit in der Gesellschaft, die Unversöhnlichkeit in der Politik aufzuheben, werden die USA mit ihrer dringend notwendigen Erneuerung scheitern.

Das Haushaltsdefizit hat astronomische Höhen erreicht, die Wirtschaft erholt sich nach der Rezession zu langsam, die Finanz- und Immobilienkrise, die im Wesentlichen mitverantwortlich für das aktuelle Desaster in Europa ist, belastet Staat, Unternehmen und US-Bürger gleichermaßen. Die Mittelschicht ist bedroht.

Obama muss ganz schnell handeln, er muss ganz schnell Mehrheiten organisieren. Wenn es nicht zu Kurskorrektoren kommt, stehen Steuererhöhungen und automatisch Einsparungen in einem Umfang von rund 570 Milliarden Dollar bevor, Rezessionsgefahr mit schrumpfender Wirtschaft und massiv steigenden Arbeitslosenzahlen inklusive.

Vor diesem Hintergrund war Obamas Siegesrede natürlich mehr als ein emotionales Danke-Danke-Danke-Ereignis, sie war ein eindeutiges politisches Signal: Wir schaffen es nur gemeinsam; wenn die Republikaner nicht folgen, werden sie die Verantwortung für tiefgehende Rückschläge übernehmen müssen.

Die Amerikaner haben Jahrzehnte über ihre Verhältnisse gelebt. Das Versagen der Politik in Washington und in manchen Bundesstaaten gefährdet die Wirtschaftsmacht USA, gefährdet damit auch die Weltmacht USA. Denn Indien und China, das nach wie vor von einem autoritären Regime gesteuert wird, sitzen den Amerikanern mit ihrer ambitionierten, zum Teil aggressiven Wirtschafts- und Finanzpolitik im Nacken.

Am Ende dieser gegenläufigen Entwicklungen - Krise in den USA, Aufschwung in Asien - könnte eine veränderte Weltordnung stehen. Die USA werden dann nicht mehr die Nummer eins sein und müssen diese Weltordnung so mitgestalten, dass sie auch als Nummer zwei oder drei ihren Platz finden.

Diese Entwicklung hat massive Auswirkungen auf die künftige Rolle Europas. Die Europäer, die derzeit als Getriebene der eigenen Schuldenkrise das gemeinsame Fundament und damit die große (und einzige) Chance eines gemeinsamen Europas gefährden, dürften im Weltkonzert zusehends an Bedeutung verlieren.

Wer soll denn noch nach Europa sehen, wenn die Musik woanders spielt? Im Wahlkampf jedenfalls war der europäische Kontinent wieder einmal kein Thema.

Insofern ist der Erfolg Barack Obamas für Europa das bessere Ergebnis. Obama ist in seiner Außenpolitik erfahrener, berechenbarer. Er hat die für Europa lebensnotwendige Transatlantik-Partnerschaft zumindest im Blick. Wenn dieser angesichts der Herausforderungen im eigenen Land auch nur flüchtig sein dürfte.