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Kommentar: Die USA und Nordkorea - Reden!

Kommentar : Die USA und Nordkorea - Reden!

Täglich dreht sich im Nordkorea-Konflikt die Eskalationsschraube einige Millimeter weiter. Täglich wird ein Affront mit dem nächsten beantwortet. Täglich wächst die Gefahr eines Kriegsausbruchs mit unübersehbaren Folgen.

Und täglich klafft die Schere zwischen dem, was Amerika sagt und tut, weiter auseinander. Eine durchdachte Vorgehensweise zur Eindämmung des Brandherds ist nicht erkennbar. Das Prinzip der "strategischen Geduld", mit der Nordkorea bislang wie ein pubertierender Rabauke eher mitleidig ignoriert und nur ab und an gemaßregelt wurde, steht vor seiner härtesten Bewährungsprobe.

Offiziell wiegelt das Weiße Haus noch ab. Alle militärischen Muskelspiele Nordkoreas folgten einem bekannten Muster: Ein Köter, der kläfft, beißt nicht. In Wahrheit stellen sich die USA darauf ein, dass Fehleinschätzungen und schwache Nerven dazu führen können, dass Pjöngjang diesmal wirklich losschlägt.

Nicht sofort nuklear, was einem Suizid gleichkäme. Und auch nicht mit Zielen auf dem amerikanischen Festland im Visier. Dazu reicht der Arm von Nordkoreas Raketenbauern nicht weit genug. Aber vor der Haustür: Südkorea. Vielleicht Japan. Oder Insel-Standorte mit amerikanischer Präsenz. Hier kann genug Schaden angerichtet und eine unheilvolle Dynamik in Gang gesetzt werden.

Die vom Pentagon angeordnete Verlegung massiven Kriegsgeräts und spezieller Raketenabwehrsysteme in die Region spricht für sich. Jedoch: Die erhoffte Wirkung bleibt aus. Mit dem Absegnen eines Atomangriffs auf amerikanische Territorien hat Nordkorea eine rote Linie überschritten.

Die Geste ist nur noch durch ihre Realisierung steigerungsfähig. Ohne Realisierung steht das Regime innen- wie außenpolitisch als Maulheld da. Die Gefahr, dass sich der extrem hoch pokernde Nachwuchs-Diktator Kim Jong-Un den gesichtswahrenden Rückweg verbaut und eine Kurzschlussreaktion in der undurchschaubaren Macht-Clique den entscheidenden Knopfdruck auslöst, ist nicht von der Hand zu weisen.

Mit jedem Dezibel, um den das Kriegsgeschrei lauter wird, geht unter, dass die passive Taktik der USA an ihre Grenzen gestoßen ist. Die Supermacht will sich nicht von den Paria in Fernost die Tagesordnung diktieren lassen. Okay. Wirklich verlässlich wissen, was in dem hermetisch abgeriegelten Land vor sich geht (und warum), tut in Washington aber niemand.

Es gibt ein bedenkliches Erkenntnis-Defizit. Speziell, was den neuen, in Europa ausgebildeten Staatschef angeht, der vieles sein mag: aber nicht irre. Nordkorea will unter seiner Führung trotz missmutiger Blicke Chinas und Russlands mittelfristig als Atom-Macht auf Augenhöhe wahrgenommen werden. Getreu der von der Nato im Kalten Krieg nicht ohne Fortüne verfolgten Devise, dass nur Atomwaffen wirklich abschrecken.

Ohne direkte Verhandlungen, ohne die Aufgabe falschen Stolzes wird Amerika dem Problem nicht beikommen. Geschweige denn herausfinden, ob sich Kim Jong Un mit dem Streben nach der Atomwaffe nach Innen den Weg zu dosierten Wirtschaftsreformen öffnen will, die das Land aus der Steinzeit führen könnten. Im Atom-Konflikt mit Iran bietet sich Washington seit Monaten wie sauer Bier als direkter Gesprächspartner an. Warum nicht auch mit Pjöngjang? Alles besser als die drohende Alternative: Krieg.