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Kommentar zum Fall Deniz Yücel: Ein dickes Brett

Kommentar zum Fall Deniz Yücel : Ein dickes Brett

Wenn Politik das Bohren dicker Bretter ist, dann ist der Fall Deniz Yücel ein ganz besonders dickes.

Nur mit dem Einsatz deutscher Spitzendiplomaten bis hinauf zu Außenminister Gabriel konnte der erste Haftbesuch bei dem deutsch-türkischen Journalisten in Istanbul durchgesetzt werden. Verbindliche Zusagen über weitere Besuche vermeidet die türkische Seite bisher. Soll ab jetzt für jede weitere Visite ein ähnlicher diplomatischer Kraftakt nötig sein?

Auf Dauer ist kaum vorstellbar, dass Gabriel und seine Staatsminister sich jedes Mal ein Wochenende um die Ohren schlagen, um einem deutschen Vertreter Zugang zu Yücel zu verschaffen. Und doch sollte die Bundesregierung am Ball bleiben – auch wenn sie vor dem türkischen Verfassungsreferendum in knapp zwei Wochen keinen Durchbruch erwarten kann. Am Fall Yücel kann Berlin den türkischen Gesprächspartnern zeigen, dass Werte wie Presse- und Meinungsfreiheit nicht nur Themen für deutsch-türkische Sonntagsreden sind, sondern ganz konkrete politische Folgen haben. Das ist das dicke Brett, das es zu bohren gilt.

Einfach wird das nicht. Politiker in Ankara werden weiter von der angeblichen Arroganz der Europäer reden. Präsident Erdogan wird sich nicht plötzlich in jenen Reformpolitiker zurückverwandeln, der die EU im vergangenen Jahrzehnt so beeindruckte. Doch Beharrlichkeit dürfte sich nicht nur für Yücel auszahlen. Wenn die Deutschen demonstrieren, dass sie sich einsetzen, auch wenn es schwierig wird, erhöht das ihre Glaubwürdigkeit. Und das ist am Ende ein Einsatz, der sich lohnt.