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Kommentar zur Hagia Sophia: Ein fataler Weg

Kommentar zur Hagia Sophia : Ein fataler Weg

In Istanbul haben nach Schätzungen Zehntausende an den Feierlichkeiten zur umstrittenen Wiedereröffnung der Hagia Sophia als Moschee teilgenommen. Das ist ein Symbol für einen fatalen Weg, den die Türkei genommen hat, kommentiert Gregor Mayntz.

Das erste muslimische Freitagsgebet in der Hagia Sophia ist ein Symbol für den fatalen Weg, den die einstmals moderne, laizistische Türkei Mustafa Kemal Atatürks unter Recep Tayip Erdogan genommen hat. Das beeindruckende Zeugnis des byzantinischen Christentums im einstigen Konstantinopel bildete über Jahrzehnte durch seine Funktion als Museum eine kulturelle Brücke an der Nahtstelle zwischen Europa und Asien und signalisierte die Attraktivität Istanbuls aus westlicher wie östlicher Sicht. An seiner Stelle hat Erdogan das Zeugnis eines neuen Kulturkampfes errichtet.

Die Praxis der materiellen und kulturellen Eroberung ist leider nicht ohne Beispiel. Den umgekehrten Weg hat etwa das berühmte maurische Schmuckstück Alhambra im spanischen Granada genommen. Die Eroberung des Kalifats durch katholische Heere ist auch heute noch in gewaltsamen architektonischen Veränderungen nachvollziehbar. Es sind die Teile der Anlage, die seinerzeit aus Sicht der neuen Herrscher den Bau zur höheren Ehre Gottes verschönern sollten, heute dagegen als eher peinlicher Eingriff in ein Gesamtkunstwerk empfunden werden. Die  Inbesitznahme zieht stets auch Eiferer und Scharfmacher an. Auch bei der Hagia Sophia kursieren die ersten Forderungen, christliche Spuren während der muslimischen Gebetsstunden nichts nur zu verdecken, sondern gleich zu zerstören.

Die katholischen Messen in der Alhambra des späten 15. Jahrhunderts und das muslimische Freitagsgebet in der Hagia Sophia sagen zudem viel über den Zustand der jeweiligen Gesellschaft aus. Die Inquisition auf katholischer Seite steht für das Verschwinden von Toleranz und Freiheit, für gesellschaftliche Erstarrung und Verweigerung von Modernität, gekoppelt mit religiös ummantelten Herrschaftsansprüchen. Nicht zufällig finden sich diese Erscheinungsformen auch in der Türkei Erdogans.

Die immer radikalere Abwendung von westlichen Werten, wie sie in der religiösen Eroberung der Sophienkirche zum Ausdruck kommt, fällt zusammen mit gefährlichen militärischen Provokationen Griechenlands durch türkische Kriegsschiffe, mit hochproblematischem türkischen Vorgehen in Syrien und Libyen. In jedem dieser Beispiele schürt Erdogan religiöse und nationalistische Stimmungen, um mit der Absicherung seiner persönlichen Herrschaft vermeintlich voranzukommen. Tatsächlich spaltet er damit die eigene Gesellschaft.