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Kommentar: Ein halber Punkt für Putin

Kommentar : Ein halber Punkt für Putin

Im Judo versteht man unter Yuko einen technischen Vorteil. Und unter Ippon ein vollen Punkt. Putin hat einen Waza-ar, einen halben Punkt gegen Obama erzielt.

Wladimir Putin, Inhaber eines schwarzen Gürtels in der asiatischen Selbstverteidigungssportart, hat mit seinem überraschenden Zugriff auf die syrische Dauerkrise seinen verblüfften Kontrahenten Barack Obama zwar noch nicht vollends aufs Kreuz gelegt. Aber einen Waza-ari, einen halben Punkt, mag man ihm durchaus schon gutschreiben.

Es ist keine 48 Stunden her, da war der zuletzt als Wiedergänger des knarzigen Nein-Sagers Andrey Gromyko auftretende Staatschef der Dauer-Schurke vom Dienst. Gemeinsam mit China, dessen außenpolitisches Verantwortungsgefühl im Embryonalstadium verharrt, profilierte sich Putin monatelang als zynischer Schutzpatron des syrischen Menschenschlächters Assad.

Durch den radikalen Kurswechsel, der Syriens Nervengas-Depots beizeiten in den Orkus befördern soll, kehrt Russland als gestalterische Kraft auf das diplomatische Parkett zurück. Putin hat im entscheidenden Augenblick die Initiative ergriffen. Das zählt. Er ist es, der Obama in einer hoch angespannten Situation die Stirn bietet und gleichzeitig mit einer Verhandlungslösung in letzter Minute aus der Patsche hilft. Und zur Gesichtsverwahrung.

Sollte die noch undurchsichtige Bereitschaft Syriens, seine Chemiewaffen aufzugeben, tatsächlich messbare Erfolge zeitigen, wird Obama seine zuletzt immer widerwilliger vorgetragenen Kriegspläne endgültig begraben. Und damit ein Dilemma, das ihn politisch den Kopf hätte kosten können. Dass mit der Lösung des Knotens der erbarmungslos geführte Bürgerkrieg in Syrien nicht beendet ist, darf bei aller Erleichterung über den ausbleibenden US-Militärschlag nicht verdrängt werden. Und ohne einen Waffenstillstand wird das Giftgas-Arsenal kaum zu neutralisieren sein.

Die diplomatische Makler-Courtage für die Aktion wird Putin Obama abverlangen. Ohne Russland würde der amerikanische Präsident einem militärischen Abenteuer das Wort reden müssen, hinter dem in den USA nur noch ein verschwindend kleiner Bruchteil in Politik und Gesellschaft steht.

Was heißt das für das Verhältnis zwischen Obama und Putin, in dem es zuletzt beständig bergab ging? In der Frage, wie etwa mit dem ehemaligen Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden oder den Rechten von Schwulen und Lesben umzugehen ist, wird sich keine Entspannung ergeben. Putin benötigt die harte Pose gegenüber Amerika für den innenpolitischen Konsum. Richtig ist aber auch, dass der gewiefte Taktiker keine echte Renaissance des Kalten Krieges mit Amerika einläuten will. Zumal sich in Syrien, unabhängig von Assad, die Interessen überschneiden. Beide wollen keine islamistischen Terrorgruppen, die von einem zerfallenden Syrien aus den Nahen Osten oder den Nordkaukasus destabilisieren.

Vorausgesetzt, die Russen und Assad spielen bei der Giftgas-Vernichtung nicht falsch, wird sich Obama erkenntlich zeigen müssen. Putin geringschätzig "das gelangweilte Kind in der letzten Reihe hinten im Klassenzimmer" zu nennen, geht dann nicht mehr. Putin rettet ihm gerade den Hals. Wer das nicht aktiv honoriert, wird bestraft. Im Judo spricht man von "Shido".