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Kommentar: Evangelischer Kirchentag - Leuchtfeuer

Kommentar : Evangelischer Kirchentag - Leuchtfeuer

Der 35. Deutsche Evangelische Kirchentag, der gestern Abend in Stuttgart unter der Losung "damit wir klug werden" eröffnet wurde, wird wieder ein politischer Seismograph sein: Das Flüchtlingsdrama, das immer neue Opfer fordert, der brüchige Frieden in der Ukraine, der offene Krieg im Nahen und Mittleren Osten sowie die Sorge um Griechenland sind nur einige Beispiele für die bange Frage der 100 000 Teilnehmer des alle zwei Jahre stattfindenden größten Laientreffens der evangelischen Christen, was nottut, damit wir Menschen endlich klug werden.

Zugleich ist ein solches Treffen auch ein Seismograph für die von allen Kirchen geforderte Bewahrung der Schöpfung, die nicht zuletzt durch weltweites kirchliches Engagement auch Erfolge aufzuweisen hat. Dennoch werden die Teilnehmer des Stuttgarter Kirchentages wieder fragen, wann wir endlich klug werden und das Abholzen der Regenwälder, das Überfischen der Meere und das Verpesten der Luft einstellen.

Aber der Evangelische Kirchentag - ebenso wie der im kommenden Jahr 100. Katholikentag in Leipzig - ist auch ein gesellschaftlicher Seismograph: Was kann getan werden, damit wir klug werden und die Schere zwischen Reich und Arm nicht weiter auseinanderdriften lassen, den unter uns lebenden ausländischen Jugendlichen die gleichen Bildungschancen gewähren wie den eigenen und den immer älter werdenden Menschen einen würdigen Lebensabend ermöglichen.

Aber das größte Protestantentreffen ist auch ein innerkirchlicher Bewegungsmelder: Wie steht es um die Kirche selbst, der immer mehr Menschen den Rücken kehren, und wie um die Einheit der verschiedenen Kirchen, die von allen gefordert, aber nur schwer vom Fleck kommt. Dabei ist der Kirchentag durchaus ein Leuchtfeuer, denn für die Durchführung der 2500 Veranstaltungen des Kirchentages in der Schwabenmetropole sind nur 100 hauptamtliche Mitarbeitende zuständig, aber 4000 ehrenamtliche Ordner und 40 000 Programm-Verantwortliche, die sich seit Monaten auf Stuttgart 2015 vorbereitet haben.

Und diese sind es, die den 35. Deutschen Evangelischen Kirchentag prägen, auch wenn Gauck und Merkel, Nobelpreisträger und Professoren, Bischöfe und mögliche Demonstrationen das Bild nach außen bestimmen. Sie sind die eigentlichen Leuchtfeuer für eine Kirche, die sich keineswegs auf einem absterbenden Ast befindet. Vielmehr wird auch der Stuttgarter Kirchentag wieder deutlich machen: Die Gesellschaft braucht die Kirche, ohne die sie ärmer wäre. Aber auch der einzelne Mensch braucht die Kirche, ohne die er einsamer wäre. So bleibt zu hoffen, dass der Stuttgarter Kirchentag 2015 wieder zu einem neuen Leuchtfeuer für das Land wird.

Der Kirchentag wird zum neuen Nachdenken anregen, "damit wir klug werden" und ein Stück hoffnungsvoller und verantwortlicher in die Zukunft blicken.