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Kommentar: Exportüberschuss um jeden Preis?

Kommentar : Exportüberschuss um jeden Preis?

Made in Germany" gilt als Gütesiegel. Wir Deutschen sind stolz darauf, dass unsere Autos, Maschinen und Lebensmittel in aller Welt gefragt sind. Kein Wunder, dass Kritik an unserem Exportüberschuss in der Regel barsch zurückgewiesen wird.

Dass Deutschland im Ausland viel mehr Waren und Dienstleistungen verkauft als einkauft - "kein Problem", meint die Bundesregierung. Im Gegenteil, die anderen Euroländer sollten dem "Wachstumsmotor" dankbar sein, heißt es in Berlin.

Dabei wären die Politiker gut beraten, die Klagen aus dem Ausland ernst zu nehmen. Denn jenseits der unvermeidlichen Missgunst gegenüber dem ökonomischen Klassenprimus Deutschland und dessen gerade in den Krisenstaaten ungeliebter Kanzlerin Angela Merkel, haben die Kritiker viele nachvollziehbare Argumente auf ihrer Seite.

Es stimmt zum Beispiel, dass die deutschen Ausfuhren nicht nur wegen ihrer Qualität weltweit gefragt sind. Gerade Deutschlands Exportwirtschaft profitiert vom Euro - zum Teil auf Kosten der schwächeren Eurostaaten. Der Wechselkurs der Gemeinschaftswährung gilt für alle Mitgliedsländer, unabhängig von deren Produktivität. Ohne den Euro würde die Währung eines wirtschaftlich starken Landes wie Deutschland aufgewertet, Exporte würden teurer und Importe billiger. Diesen Ausgleichs-Mechanismus gibt es bei der Einheitswährung nicht.

Erst eine gemeinsame Wirtschaftspolitik könnte bei diesem Systemfehler Abhilfe schaffen. Da diese in weiter Ferne liegt, steht Deutschland in der Pflicht zu handeln. Selbstverständlich macht es keinen Sinn, den Unternehmen die Ausfuhr ihrer Produkte zu verbieten. Um den Überschuss zu verringern, muss bei der Nachfrage angesetzt werden. Denn das Ungleichgewicht zwischen Exporten und Importen verringert sich auch, wenn die deutschen Einfuhren steigen - also Privatleute und Unternehmen mehr ausgeben. Dafür müssen sich zum Beispiel die Löhne in Deutschland nach Jahren der Stagnation weiter der gestiegenen Produktivität anpassen. Der Staat muss jetzt in Bildung und Infrastruktur investieren, um die Nachfrage anzukurbeln und den Standort zu sichern.

Zuletzt lohnt es sich zu fragen, was der Exportüberschuss "made in Germany" wirklich bringt. Export um jeden Preis? Ein Land profitiert langfristig von seinen Ausfuhren nur dann,wenn das dadurch erwirtschaftete Geld für Konsum oder Investitionen im Inland ausgegeben wird. Das ist bei dem jetzigen Handelsüberschuss nicht der Fall. Im Gegenteil: Bei den Exporten in Krisenstaaten - auch wenn sie nur einen kleinen Anteil ausmachen - kommt sogar der Steuerzahler für einen Teil der Einnahmen der Exportwirtschaft auf, die sich mit Staatsbürgschaften dagegen absichert, dass die Kundschaft nicht zahlen kann.