Kommentar zur Nato Fehlende Konzepte

Meinung | Berlin · Wenn es die Nato nicht gäbe, müsste man sie erfinden. Die Bedrohungen sind zu groß, als dass einer sie allein bewältigen könnte. Doch der Nato fehlen überall Konzepte, kommentiert Gregor Mayntz.

 Mike Pompeo (l), Außenminister der USA, hört Jens Stoltenberg, NATO-Generalsekretär, zu, der während des NATO-Außenministertreffens im NATO-Hauptquartier spricht.

Mike Pompeo (l), Außenminister der USA, hört Jens Stoltenberg, NATO-Generalsekretär, zu, der während des NATO-Außenministertreffens im NATO-Hauptquartier spricht.

Foto: dpa/Francisco Seco

Was wäre von einem Wertebündnis zu halten, das sich gerade gebildet hat, um europäische und nordamerikanische Staaten sicherer zu machen und das bei seinen ersten Schritten auf die Nase fällt. Das Szenario: Der amerikanische Partner warnt vor einem Risiko für die nationale Sicherheit – durch deutsche Autos! Dann zieht er ohne Absprache seine Truppen aus Syrien zurück, was Soldaten des französischen Partners in Lebensgefahr bringt. Der türkische Partner eröffnet das Feuer auf Verbündete des amerikanischen Partners. Als Effekt wird der Terrorismus gestärkt. Ergebnis: Dieses Bündnis hätte die Situation unsicherer gemacht und könnte wieder weg.

Nur die lange, bedeutende und erfolgreiche Geschichte der Nato macht es nötig, den Befund in ein anderes Wort zu kleiden. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat dafür die Bezeichnung „hirntot“ gefunden. Es ist zum einen treffend: Die Glieder funktionieren noch, der militärische Arm ist stark, die Beine können große Lasten tragen, die Sinnesorgane registrieren jede Gefahr – nur vom Gehirn kommt keine Idee mehr.

Zum anderen darf dieser Befund nicht das letzte Wort sein. Denn wenn es die Nato nicht gäbe, müsste man sie erfinden. Die Bedrohungen sind zu groß, als dass einer sie allein bewältigen könnte, zugleich sind die Vereinten Nationen wegen der Vetomächte Russland und China ständig handlungsunfähig. Doch der Nato fehlen überall Konzepte.

Der beginnende Klimakollaps wird den Migrationsdruck verschärfen – doch die USA scheren aus. Der islamistische Terror frisst sich wie ein Schwelbrand durch Afrika. Doch Frankreich muss um jede Unterstützung betteln, um Staaten vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Seit acht Jahre lechzen die Syrer nach einer ordnenden Hand, die den Bürgerkrieg beendet. Doch die Nato lässt Iranern, Russen und Türken freie Hand.

In dieser Situation eine „Frischzellenkur“ zu verabreichen, wie Außenminister Heiko Maas vorschlägt, ist vom Bild her verunglückt. Die Methode ist bei Hirntoten medizinisch untersagt und nachweislich untauglich. Vom Prinzip her verspricht sie aber den einzig möglichen Ausweg: Die Nato braucht ein neues Selbstverständnis. Allerdings scheint US-Präsident Donald Trump insgeheim die Nato doch für „obsolet“ zu halten, könnte Macron von der Idee geleitet sein, die „grande nation“ zu neuer Geltung zu bringen. So hat das Bündnis wenig Chancen, sich neu zu erfinden.

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