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Kommentar: Frage der Menschlichkeit

Kommentar : Frage der Menschlichkeit

In Asylbewerberheimen in Burbach und Essen sollen Mitglieder eines privaten Sicherheitsdienstes Bewohner brutal drangsaliert haben. Abscheuliche Aufnahmen dokumentieren die Vorfälle.

Es geht um Menschen, die im Vertrauen zu uns gekommen sind, hier Schutz zu finden vor Verfolgung, Folter und Hunger. Gerade weil das Thema hoch emotional ist, muss in Ruhe und Sachlichkeit argumentiert werden. Falsche Reflexe dürfen keine Rolle spielen.

Vorschnelle politische Schuldzuweisung ist ein solcher Reflex. Bislang wird gegen ein halbes Dutzend Verdächtige ermittelt, es geht um zwei oder drei Tatorte. Daraus blitzschnell politisches Kapital zu schlagen, indem man mit dem Finger auf einen Innenminister weist, der genau das getan hat, was fast alle seiner Kollegen auch tun, ist opportunistisch. Ein solcher Reflex ist auch, zu folgern, dass das Einschalten privater Sicherheitsfirmen zur Bewachung von Asylbewerberheimen prinzipiell eine üble Sache wäre. Die Wahrheit ist, dass die Polizei mit dieser Aufgabe weit überfordert wäre. Mehr noch: Schon das Betreiben der Unterkünfte ist ohne private Firmen gar nicht mehr denkbar. Das zu beklagen ist müßig. Stattdessen muss besonnen nachgedacht werden, was besser zu machen ist.

Natürlich muss gründlicher kontrolliert werden, wer da Wache schiebt. Dass sich eine Kette vom Unternehmen über Subfirmen zu Sub-Subunternehmen zieht, an deren unterem Ende dann plötzlich vorbestrafte, nicht ausgebildete Kräfte, womöglich mit rechtsradikalem Unrat im Kopf, stehen - das darf nicht sein.

Das alles ist leicht einzusehen. Aber es gibt auch unbehaglichere Wahrheiten. In zentralen Flüchtlingsheimen herrscht drangvolle Enge, unterschiedliche Kulturen stoßen zusammen - der Nährboden für Konflikte. Eine dezentrale Aufnahme ist also dringend erforderlich. Dezentralere Aufnahme heißt aber, die Flüchtlinge in unsere Nähe zu lassen. Das fordert Opfer - von uns, nicht von ihnen. Spätestens wenn eine Turnhalle, ein Vereinshaus, eine öffentliche Begegnungsstätte zur Unterkunft umfunktioniert werden muss.

Auf Dauer können wir nicht so tun, als wären die Probleme wegzudelegieren. Auch nicht durch Waffenlieferungen. Die Welt scheint aus den Fugen, hat Außenminister Frank-Walter Steinmeier vor den UN gesagt. Das muss zwangsläufig auch Deutschland berühren. Es ist eine Probe für unsere Menschlichkeit. Frage: Warum braucht es Sicherheitsdienste vor Asylbewerberheimen? Gewiss nicht nur, um den Hausfrieden zu sichern. Leider auch, um die Flüchtlinge vor Übergriffen zu schützen. Wo sind die Ansprechpartner, Kontaktpersonen, Helfer, an die sich die Flüchtlinge in Burbach hätten wenden können? Manchmal scheint es, dass jedes nicht artgerecht gehaltene Zwergkaninchen in Deutschland eine größere Lobby hat.