Kommentar Gewalt in der muslimischen Welt - Im Sog der Brandstifter

Libyen, Ägypten, Tunesien, der Gaza-Streifen, Jemen, Iran - und die Freitagsgebete kommen heute erst noch. Sechs Jahre nach den globalen Verhärtungen, die das Abdrucken von Mohammed-Karikaturen in einer dänischen Zeitung ausgelöst hat, droht in der islamischen Welt erneut ein Flächenbrand.

Diesmal ist ein dubioser Film der Auslöser, in dem ein inzwischen abgetauchter Amerikaner unheiligen Schund produziert hat und dabei mit verschleierter Identität unter den Schirm der Meinungsfreiheit kroch.

Die Parallelen zu 2006 sind kaum zu übersehen. Wieder sind es synchron gesteuerte Emotionen, die zu blinder Gewalt und, im Falle des bis zuletzt vielleicht größten Freundes des libyschen Volkes, US-Botschafter Chris Stevens, sogar zum Tod führen. Wieder geht es nicht um "den" Westen und seine "Ungläubigen". Sondern um interne Machtkämpfe. Noch sind nicht alle Hintergründe der Stürmung des US-Konsulates in Bengasi ausgeleuchtet.

Die These, dass es kein aufgewühlter Mob war, der am Jahrestag der Attentate vom 11. September die Propheten-Schmähung eines Hetzers aus Kalifornien rächen wollte, sondern ein durchdacht vorgehender Kämpfer-Verbund aus dem Dunstkreis von Al- Kaida, klingt trotzdem plausibel. Islamistische Extremisten müssen sich als Verlierer des "Arabischen Frühlings" fühlen.

Sie sind meist parlamentarisch abgemeldet. Was liegt aus ihrer Sicht näher, als gegen wacklige Übergangs-Regierungen den Volkszorn zu schüren und demokratisch ungefestigte Gesellschaften mit den alten, wirkungsvollen Ritualen zu überziehen: immer feste drauf auf den Stellvertreter-Erzfeind Amerika.

Der Zwischenfall trifft Washington in einer besonders verwundbaren Situation. Es ist Wahlkampf. Und nicht nur in der arabischen Welt springen verantwortungslose Politiker auf jeden fahrenden Zug, um Wählerstimmen abzugreifen.

Dass es ausgerechnet der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney ist, der sich hier unrühmlich hervortut und mit verstiegenen Anschuldigungen und glatten Lügen Honig aus der Tragödie saugen will, ist mehr als betrüblich. Hoffnungsfroh an seiner sprachlos machenden Chuzpe stimmt nur, dass der mit außenpolitischer Blindheit geschlagene Mann mächtigen Parteifreunden zunehmend peinlich wird.

Ob's der Wähler aber wichtig findet? Kaum. Gegen die Maßlosigkeit der Wut und der scheinheilig frommen Hysterie, die sich in der islamischen Welt auftun könnte, hilft nur kühle Analyse, kluge Verteidigung der manchmal unerträglichen Nebenwirkungen von Meinungsfreiheit und eine Stärkung der demokratischen Kräfte in der islamischen Welt.

Alles andere wird den Sog der Brandstifter so groß werden lassen, dass auch besonnene Muslime in ihren Bann geraten könnten.

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