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Kommentar über die Tage nach der Flut: Hilfe über alle Grenzen

Kommentar über die Tage nach der Flut : Hilfe über alle Grenzen

Politiker sind in diesen Tagen nicht zu beneiden, kommentiert unser Autor. Sie können es schlicht niemandem recht machen. Sie wissen, dass sie kaum Trost spenden können, doch würden sie sich nicht sehen lassen, wäre das auch ein Fehler.

Politiker tragen Verantwortung für das Wohl und Wehe der Betroffenen und sie müssen sich daher sehen lassen. Dabei wissen sie genau, dass sie kaum Trost spenden können, weil die Menschen an der Ahr, im Vorgebirge oder in Erftstadt ganz andere Sorgen haben, existentielle Sorgen. Doch wären sie nicht hier, wäre das auch ein Fehler.

Immerhin kümmern sich die prominenten Besucher um die tatsächlichen Probleme und meiden die Versuchung, das Geschehen für den Wahlkampf zu instrumentalisieren. Sie ahnen vermutlich, wie rasch das gegen sie zurückschlagen kann. Armin Laschet macht gerade diese Erfahrung. Selbst kleine Unbedachtheiten vor laufenden Kameras werden bestraft.

Man darf natürlich über Klimapolitik und die Versäumnisse der zurückliegenden Jahre reden. Aber macht das den Betroffenen Hoffnung? Heißt das nicht übersetzt: Baut Eure Häuser doch irgendwo, aber keinesfalls mehr dort, wo sie standen? Es heißt im Klartext eben auch, dass es keine Lösung gibt, jedenfalls nicht so bald. Die Menschen haben gerade ihr Haus verloren. Sollen sie jetzt auch noch ihre Heimat verlassen? Das ist eine unbarmherzige Diskussion angesichts dieser Tragödie.

Und es gibt da wieder die Debatte um zu viele versiegelte Flächen. Experten diverser Disziplinen dilettieren in Boden- und Gewässerkunde. Das Thema ist ebenfalls gewiss wichtig. Aber wer das obere Ahrtal und seine Landschaft kennt, fragt sich, worüber da eigentlich gesprochen wird. Die Flut kam, weil es einfach zu viel Wasser war. Vielleicht muss Politik so sein. Aber in diesem Fall macht das nur ratlos. Man wünscht sich, dass alle erstmal ein wenig nachdenken, bevor sie Forderungen stellen oder ihr persönliches Thema vorantreiben. Das wäre klug und rücksichtsvoll.

Eindrucksvoll ist die Welle der Hilfsbereitschaft, die seit Donnerstag die gesamte Region erfasst. Die Menschen helfen sich gegenseitig, sie fahren mit schwerem Gerät in die Flutgebiete, sie stellen Betten und Hotelzimmer zur Verfügung, sie packen mit an. Ganze Dörfer, komplette Vereine, Nachbarschaften sind im Einsatz. Es wird mobilisiert, was an Kräften und Material zur Verfügung steht. Inzwischen hat die Hilfe ein Maß angenommen, das die Koordinatoren vor Ort überfordert.

Das ist beeindruckend und widerspricht doch dem vorherrschenden Bild von Rücksichtslosigkeit und Ignoranz in der Gesellschaft, das immer gerne gezeichnet wird. Dieses Bild ist mindestens unvollständig. Vielleicht ist es sogar ganz falsch. Im Alltag heben wir nur einen Bruchteil der Potenziale an Gemeinsinn und Hilfsbereitschaft, die abrufbar wäre. Es lohnt sich darüber nachzudenken, woran das eigentlich liegt.

Viele Menschen gehen in diesen Tagen über ihre Grenzen, um anderen zu helfen. Das ist großartig und ohne diesen Einsatz hätte es weit mehr Opfer gegeben. Tragisch wird das Geschehen, wenn Helfer ihren Dienst für die Gemeinschaft mit dem Leben bezahlen. Ihr Schicksal verpflichtet uns, den Betroffenen auch dann noch zu helfen, wenn die Tage der Katastrophe langsam verblassen.