1. Meinung
  2. Kommentare

Kommentar zum Parteitag der US-Republikaner: Im Paralleluniversum

Kommentar zum Parteitag der US-Republikaner : Im Paralleluniversum

Die Republikaner inszenieren Joe Biden als „Katastrophe“ für die Vereinigten Staaten, während Donald Trump sich zum Retter stilisiert. Der Parteitag zeigt einmal mehr einen US-Präsidenten, der keinerlei Skrupel hat, die Realität zu verbiegen, kommentiert Frank Herrmann.

Wüsste man es nicht besser, könnte man meinen, die Republikaner hätten in einem Raumschiff getagt. Irgendwo im All, wo sich die ernüchternde Wirklichkeit der pandemiegeplagten Vereinigten Staaten erfolgreich ausblenden lässt. Donald Trumps Parteitag, er fand in einem Paralleluniversum statt.

Die Corona-Epidemie ist überstanden, jetzt geht es steil aufwärts. Immer vorausgesetzt, die Wähler begehen nicht den Fehler, Joe Biden das Staatsruder anzuvertrauen, denn der würde Amerika über kurz oder lang in die Anarchie stürzen. So klang es an den vier Abenden, an denen der Präsident eine mal glitzernde, mal bizarre Show über die Bühne gehen ließ, am schrillsten am letzten, an dem er selbst redete. In Trumps Skizze ist Biden lediglich Fassade, während dahinter die „radikale Linke“ – gemeint ist Bernie Sanders, dem Selbstverständnis nach demokratischer Sozialist – die Agenda bestimmt. Amerika wäre nicht wiederzuerkennen. Seine Polizeikräfte würden kaputtgespart, seine Städte dem Chaos preisgegeben, eine Steuererhöhungsorgie würde unternehmerischer Initiative jeglichen Anreiz nehmen. Kurzum, mit dieser Wahl entscheide sich, ob man den „American Way of Life“ verteidigen könne oder es einer radikalen Bewegung gestatte, dies amerikanische Lebensart komplett zu zerstören.

Das ist einigermaßen grotesk, wenn man bedenkt, dass Biden in den 47 Jahren seiner Politikerkarriere stets die politische Mitte vertrat. Relativierend muss man hinzufügen, dass Überzeichnungen schon immer typisch waren für die kompromisslose Härte, mit der in den USA politische Auseinandersetzungen geführt werden. Auch Biden klang nicht eben sachlich, als er sich selbst zur Symbolfigur des Lichts erklärte, während Trump für die Finsternis stehe. Gut oder böse, das sind Schablonen, derer man sich nicht erst seit dem Jahr 2020 bedient. Nur hat es Trump mit seiner Weltuntergangsrhetorik auf die Spitze getrieben.

Der polternde Präsident, der sich zum Retter des Abendlands stilisiert – das war der eine Teil dieses Kongresses. Der andere machte deutlich, dass man Trump, einen durchaus nüchtern kalkulierenden Wahlkämpfer, nicht unterschätzen sollte. Er scheint begriffen zu haben, dass es nicht reicht, nur den harten Kern seiner Anhänger zu mobilisieren, um das Votum zu gewinnen. Dem hat er sein Parteitagsprogramm denn auch über weite Strecken untergeordnet, bevor er eine rundum zornige Abschlussrede hielt.

Trump braucht mehr als die Stimmen der Evangelikalen, mehr als die Stimmen der verunsicherten Arbeiterschaft im Rostgürtel der alten Industrie, will er Biden am 3. November schlagen. Er weiß: In den Vorstädten, deren Wähler ihm einst zum Sieg über Hillary Clinton verhalfen, darf er nicht untergehen, sonst ist seine Niederlage programmiert. Gerade dort, in den gepflegten Siedlungen der Mittelschicht, wechselten Frauen, die seine Twitter-Tiraden nicht mehr ertragen konnten, bei den Kongresswahlen 2018 in Scharen ins Lager der Demokraten. Zieht Trump nicht zumindest einen Teil von ihnen zurück auf seine Seite, zieht er im Ringen mit Biden wohl den Kürzeren.

Deshalb, um sein Image zu glätten, ließ sich ein Präsident, in dessen Kabinett bis auf die CIA-Direktorin Gina Haspel keine Frau zum engeren Beraterkreis gehört, auf einmal als großer Frauenförderer feiern. Deswegen konnte ein Präsident, der nicht selten offensiv mit rassistischen Ressentiments spielt, gar nicht oft genug betonen, was gerade schwarze Amerikaner ihm zu verdanken haben.

Über den Zustand des Landes sagen die vier Tage im Paralleluniversum nichts. Dafür umso mehr über einen Mann, der keinerlei Skrupel hat, die Realität zu verbiegen, wenn er nur glaubt, dass es ihm nützt.