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Kommentar zur Zoo-Öffnung: Invasion der Zweibeiner

Kommentar zur Zoo-Öffnung : Invasion der Zweibeiner

In dieser Woche öffnen die Tierparks wieder. Für die Bewohner dürfte das ein merkwürdiges Erlebnis werden. Eine Glosse von GA-Autor Nils Rüdel.

In den Tierparks landauf, landab wird in den kommenden Tagen große Verwunderung ausbrechen. Die Bewohner, vom Silberrücken über das Alpaka bis zum Pinselohrschwein, werden sich wundern, was da plötzlich vor ihren Augen geschieht: Hordenweise zweibeinige Wesen, die offensichtlich wieder aus ihren Gehegen und Bauen herausgelassen wurden, stehen nun wieder fröhlich hinter Zäunen, Wassergräben und Sicherheitglas – und gucken. Große Wesen, kleine Wesen, zottelige Wesen nach mehrwöchigem Friseur-Entzug – und alle haben sie jetzt auch noch ein merkwürdiges Stück Stoff im Gesicht. Die Tiere werden Fragen haben.

Schließlich kommt für sie die Wiedereröffnung der Zoos nach den wochenlangen Corona-Beschränkungen einigermaßen überraschend. Sie ahnen ja gar nicht, was in der geheimnisvollen Welt der Zweibeiner gerade los ist – und was deren plötzlichem Wiederauftauchen im Zoo vorangegangen ist: Lauter Streit, wildes Durcheinandergeschnatter, auch Imponiergehabe mancher politischer und publizistischer Alphatiere.

Solche „Öffnungsdiskussionsorgien“, wie die Anführerin der Zweibeiner sie nannte, gab es in den Tierparks nicht. Im Gegenteil: Wie Pfleger berichteten, langweilten sich viele Bewohner dort geradezu. Deren Hauptjob ist es schließlich, angeguckt zu werden, und wenn niemand da ist zum angucken, gibt es entsprechend wenig zu tun. Im Zoo von Tokio stellte man neben ein Aquarium sogar Tablets mit Livekamera auf: Menschen sollten vom Wohnzimmer aus per Facetime den Gartenaalen zuwinken – damit diese aufhören, sich vor lauter Langeweile andauernd im Sand zu vergraben.

Gute Nachrichten also für den Gartenaal: Nun sind die Menschen wieder da. Für die Tiere verspricht das wieder Abwechslung im Alltag, es gibt viel zu gucken. Damit wird natürlich auch eine Frage wieder aktuell, die sich stellt, seitdem es Tierparks gibt: Wer beobachtet hier eigentlich wen?