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Kommentar: Islamfeindliches Video im Internet - Kein amoralischer Raum

Kommentar : Islamfeindliches Video im Internet - Kein amoralischer Raum

Die Debatte um das islamfeindliche Video birgt auch Konsequenzen für die Verantwortung im Internet. Das Schmähwerk hätte nicht so viel Beachtung bekommen, wenn es lediglich auf islamfeindlichen Seiten und rechtsextremen Portalen zu finden gewesen wäre, und nicht bei YouTube, der Tochter des Internetriesen Google.

Ein Video geht mit YouTube um die Welt und löst damit eine Welle der Gewalt aus, mehrere Menschen sterben, Hunderte werden verletzt. Dass bei der Produktion des Videos aus den USA Fundamentalisten am Werk waren, die damit die Extremisten in der islamischen Welt auf den Plan gerufen haben, steht außer Frage. Sie tragen die Hauptverantwortung für die Toten und Verletzten. Aber das Portal eines großen Konzerns darf sich nicht zum Mittäter machen, indem es einem solchen Hass-Film eine derart große Plattform gibt.

In Deutschland will Innenminister Hans-Peter Friedrich das Video verbieten lassen. Falls durch den Film keine Straftatbestände erfüllt werden, ist dies aber kaum durchzusetzen. Fest steht: Ein Verbot des Videos kann nur die letzte Option sein. Bevor man über rechtliche Konsequenzen nachdenkt, sind die Organisatoren des Web 2.0 gefordert, selbst Regeln aufzustellen. Es reicht nicht aus, nur Gesetze zu befolgen. Wo bleibt der eigene moralische Anspruch?

YouTube ist juristisch gesehen eine so genannte "Hosting-Plattform", ein gastgebendes Forum für hochgeladene Videos, für die es - formal - keine Verantwortung übernehmen muss. Damit ist YouTube fein raus. Denn: So muss die Google-Tochter erst gegen Rechtsverletzungen vorgehen, wenn sie davon erfährt, und nicht jeden Clip schon beim Hochladen prüfen.

Dabei hat YouTube diese reine Mittlerrolle de facto längst verlassen. Die Google-Tochter hat auf ihrer Seite eigene Richtlinien aufgestellt, wann ein Video nicht hochgeladen werden darf. Demnach gestattet YouTube angeblich keine Hassreden, die eine Gruppe etwa aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit angreifen.

In Ägypten und Libyen wurde das Video mit dem Hinweis auf die "sehr sensible Lage"gesperrt, in anderen Ländern jedoch nicht. Insofern agiert der Konzern schlicht inkonsequent bei der Einhaltung der selbst auferlegten Richtlinien. YouTube sollte sich und der Welt eingestehen, dass es längst redaktionell arbeitet, also Filme auswählt und bewertet. Das verträgt sich nicht mit der neutralen Rolle als Hosting-Plattform.

Mehr noch: Am Beispiel von YouTube wird deutlich, dass es überhaupt keine Internetseiten geben kann, die als neutrale Mittler fungieren, um für ihre Inhalte keine Verantwortung übernehmen zu müssen. Es ist im Internet wie im realen Leben: Keiner steht außerhalb der Reihe von Ursache und Wirkung. Andernfalls würde das World Wide Web immer mehr zum Spinnennetz, in dem man sich zwangsläufig verfangen muss.