Japan in der Katastrophe: Kampf an allen Fronten

Für Japans Politiker tickt eine Zeitbombe. Erst muss Premierminister Naoto Kan eingestehen, dass diese Erdbebenkatastrophe das größte Desaster des Landes seit dem Ende des 2. Weltkrieges ist. Nun erklärte der Chef der Präfekturpolizei von Miyagi, Naoto Takeuchi, er habe keinen Zweifel, dass es mehr als 10 000 Tote allein in seinem Bezirk geben wird.

Und ob der atomare Super-GAU im Kernkraftwerk Fukushima noch abzuwenden ist, steht in den Sternen. Seit ein völlig aufgelöster Premierminister bei seinem dramatischen Live-Auftritt auf allen Fernsehkanälen vor "gesundheitsgefährdenden Strahlenwerten" gewarnt und sich extrem scharf über das Krisemanagement des AKW-Betreibers Tepco beschwert hat, ist das Maß der Verunsicherung voll.

Der Regierungschef kämpft derzeit an allen Fronten. Es geht längst nicht mehr nur um die undurchsichtige, vielleicht sogar verlogene Informationspolitik des größten japanischen Energieversorgers. Es geht um alles. Leichenblass und übernächtigt versucht der Premierminister, der nur noch im Blaumann auftritt, seiner technikverliebten Nation Vertrauen einzuflößen. Scheibchenweise und mit größtmöglicher Vorsicht muss er seine 127 Millionen Landsleute auf das Unvermeidliche einstellen.

"Niemand hat damit gerechnet, dass es so schlimm wird." Der Satz wirkt wie ein Beil. Dieses Beben wird Japan um Jahre, wenn nicht sogar um Dekaden zurückwerfen. Die einst reichste Industrienation der Welt kann durch die Gewalt der Naturen und das Versagen seiner Technik auch verarmen. Sätze wie diese hat der Premier wahrscheinlich schon gedacht. Aussprechen kann er sie nicht, ohne sich selbst mit zu beschuldigen. Denn Japan ist nicht nur mit dieser Bebenkatastrophe verständlicherweise überfordert, es trifft das Land auch in einem Augenblick politischer Schwäche.

Das politische Beben kann jeden Augenblick alles hinwegreißen. Wenn sich Japan als schwach erweist, sinkt nicht nur im eigenen Land das Vertrauen in die politische Klasse. Im Ausland wird Nippon schon länger als eine zaudernde und zögernde Macht wahrgenommen, die der expansiven Dynamik des großen Nachbarn China kaum noch etwas entgegenzusetzen hat. Im Inland funktionieren die Parteien wie purer Selbstzweck. Persönliche Animositäten und Eitelkeiten quer durch alle Lager behindern den politischen Konsens, der nötig wäre, die drittgrößte Volkswirtschaft in Schwung zu halten.

Bisher steht Premierminister Naoto Kan als Fels in der Brandung. Gelingt es seinem Krisenmanagement, die Katastrophe zu bändigen, ist der Regierungschef ein Held und bei künftigen Wahlen unschlagbar. Nicht auszudenken, wenn sein Stab versagt. Unzufriedene gibt es auch in Japan genug, und selbst für Ultranationale könnte die Stunde schlagen.