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Kommentar: Joachim Gauck: Der andere Präsident

Kommentar : Joachim Gauck: Der andere Präsident

Wenn ein deutscher Bundespräsident von der Presse in Frankreich mit Lob überschüttet wird, wenn nicht nur von Respekt, sondern von Bewunderung die Rede ist, dann hat Joachim Gauck wohl etwas sehr richtig gemacht. Er, der ironisch-distanziert von sich sagt, er sei "nur Zierrat", hat bei seinem Staatsbesuch gezeigt, was ein Präsident kann, der keine Befugnisse hat.

Er hat in einer Art, die nur ein Mensch mit seiner Vergangenheit zeigen kann, in Oradour für die Barbarei der Nazis um Vergebung gebeten. Aber er hat auch klargemacht, dass es längst ein anderes Deutschland gibt, und er dafür steht.

Dieses "Aber" ist ein Kennzeichen der Politik des ersten Mannes im Staate. Auch bei diesem Thema. Er macht deutlich, dass er ein isoliertes militärisches Vorgehen der Franzosen gegen Syrien nicht mitträgt, aber er mahnt auch, sich nicht in die Büsche zu schlagen. An die deutsche Adresse: Werdet erwachsen! Übernehmt auch im Libyen- oder im Syrien-Konflikt Verantwortung!

Doch man würde den Bürgerrechtler und Freiheitskämpfer Gauck falsch verstehen, wenn man daraus eine Empfehlung für eine Militäraktion machte. Und wenn, dann nur abgestimmt durch die und in der Völkergemeinschaft und mit der klaren (erwachsenen) Überlegung, welches Mittel zu welchem Ziel führen könnte. Gauck ist weder Sponti noch Schwarz-Weiß-Maler. Deshalb werden alle Versuche fehlschlagen, ihn gegen die Bundesregierung zu instrumentalisieren. Ja, aber! Gauck ist vehement für Reformen in Europa. Aber er ist weit entfernt davon, die, was Reformen angeht, rückständigen Franzosen zu dominieren, zu ermahnen. Ja, da muss was geschehen, aber auch in Deutschland darf man die Hände nicht in den Schoß legen.

Gauck ist in Frankreich nicht müde geworden in dem Versuch, den Nachbarn zu überzeugen, dass niemand hierzulande von einer deutschen Dominanz in Europa träumt. Würde ein deutscher Politiker mit dem Finger etwa auf Frankreich zeigen, zeigten die anderen Finger seiner Hand auf sein Land zurück. Das ist Gaucks Philosophie. Ja, aber! Gepaart mit unerschütterlichem Optimismus und dem Glücksgefühl der Freiheit.

Ja zu Europa, aber! Aber Vorsicht beim Tempo, Vorsicht bei unausgegorenen Ideen! Zwei Geschwindigkeiten, Deutschland im schnellen, Frankreich im langsameren Zug - für den Präsidenten unvorstellbar. Denn Deutschland und Frankreich müssen wieder zusammen Motor in Europa werden. Aber mit Rücksicht auf die Befindlichkeit ihrer Völker. Also verspricht Gauck nicht das Blaue vom Himmel, sondern rät zu eher langsameren Schritten weiterer Integration. Wobei für ihn klar ist: Zum Euro gehört eine gemeinsame Finanzpolitik. Syrien, Reformen, Europa - die Deutschen haben einen Bundespräsidenten, der Orientierung gibt, obwohl er keine Macht hat.