Kommentar Kanzlerkandidat Steinbrück - Klotz am Bein der SPD

Sollte die SPD nach der Wahl im Herbst eine Bundesregierung anführen, dann wird ihr das nicht wegen, sondern trotz ihres Kanzlerkandidaten gelungen sein. Zwar hat Peer Steinbrück am Sonntag auf dem Parteitag in Augsburg die erwartete solide Rede gehalten.

Rhetorisch war das wieder einmal weitaus besser als das, was man von der Bundeskanzlerin gewohnt ist. Doch dass eine solche punktuell gute Leistung ausreicht, den Trend umzukehren, darf bezweifelt werden. Dafür hat Steinbrück zu viel Porzellan zerschlagen - und ist zu wenig lernfähig.

Dass der Kandidat nicht zum Programm passen würde, wie dieser Tage immer wieder gerne behauptet wird, ist Unsinn. Daran liegt es nicht. Steinbrück passt zu Mietbremsen und höheren Steuern für Vermögende inzwischen so gut wie der branchenspezifische Mindestlohn heutzutage zu Philipp Rösler oder der Atomausstieg zu Angela Merkel passt.

Die etablierten Parteien und ihr Spitzenpersonal sind mit der Gesellschaft insgesamt nach links gerückt, was unter anderem daran liegt, dass das Versagen kapitalistischer Mechanismen im Weltmaßstab zu einer Neubetonung des Wortes "sozial" in dem deutschen Exportschlager namens "soziale Marktwirtschaft" geführt hat.

[kein Linktext vorhanden]Insofern ist ein lernfähiger Steinbrück in einer progressiven SPD grundsätzlich kein Fremdkörper. Dass er sich aber dennoch ausgerechnet in der Kernkompetenz seiner Partei, der sozialen Gerechtigkeit, in den Umfragen von Merkel hat überholen lassen, liegt an seiner fehlenden persönlichen Glaubwürdigkeit.

All die von interessierter Seite zum Teil aufgebauschten Debatten um seine Honorare und Wein-Vorlieben haben Steinbrücks Ansehen nachhaltiger beschädigt, als das vor Monaten noch zu erwarten war. Sein Absturz in den Beliebtheitswerten ist derart dramatisch, dass es bis zur Wahl nur noch um Schadensbegrenzung gehen kann. Und genau in dieser Disziplin ist Steinbrück, pardon, eine Null.

Auf den jüngsten Fehler seines Teams, auf einen ebenso dümmlichen wie geklauten Wahlkampfslogan zu setzen, reagierte er mit Patzigkeit. "Hätte, hätte, Fahrradkette", war Steinbrücks Antwort auf die Frage eines Journalisten, ob eine einfache Recherche nicht hätte ergeben können, dass eine Leiharbeitsfirma bereits mit dem Sprüchlein "Das Wir entscheidet" wirbt. Ist das etwa die Antwort eines ernstzunehmenden Merkel-Herausforderers?

Steinbrücks Bärbeißigkeit kam einst gut an. Sie stand für Entschlossenheit, Tatkraft, Mut. So einer kann Deutschland und Europa aus der Krise führen, dachten viele. Inzwischen wirken Steinbrücks Trotzreaktionen vor allem unsouverän, ganz besonders im Vergleich zur Besonnenheit der Krisenmanagerin Merkel. Der SPD bleibt nur noch, ganz auf ihr Programm zu setzen. Bildung, Familie und steuerliche Gerechtigkeit: Dafür gäbe es eine Mehrheit.

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