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Kommentar zur US-Wahl und Kamala Harris: Kein Kleingeist

Kommentar zur US-Wahl und Kamala Harris : Kein Kleingeist

Mit seiner Entscheidung hat Joe Biden Geschichte geschrieben: Zum ersten Mal zieht eine der beiden großen amerikanischen Parteien mit einer dunkelhäutigen Frau auf dem Ticket ins Wahlkampffinale. Welche Botschaft dahinter steckt, kommentiert Frank Herrmann.

Eines kann man Joe Biden gewiss nicht vorwerfen: dass er nachtragend wäre. Immerhin hat ihn Kamala Harris, die Senatorin, mit der er nun in den Wahlkampf zieht, gleich bei der ersten Fernsehdebatte der demokratischen Präsidentschaftsanwärter schlecht aussehen lassen. Ihr Vorwurf, der Jungsenator Biden habe einst lieber mit rassistischen Amtskollegen aus den Südstaaten kooperiert, statt energisch für ein Ende der Rassentrennung an Amerikas Schulen zu kämpfen, stürzte ihn damals in tiefe Verlegenheit. Wer gedacht hatte, Harris‘ Attacke würde nun ihre Nominierung verhindern, sieht sich eines Besseren belehrt.

Dass er fähige Leute aussiebt, nur weil er ihnen Kritik verübelt, zumindest das wird man nicht über Biden sagen können. In dem Punkt unterscheidet er sich markant von Donald Trump, dem Präsidenten, der fähige Minister reihenweise abservierte, sobald sie es wagten, ihm zu widersprechen. Vielleicht ist das ja schon Teil der Botschaft: Hier will kein rachsüchtiger Kleingeist im Weißen Haus einziehen, sondern ein souveräner Politiker, dem man das Staatsruder gerade in schwerem Fahrwasser anvertrauen kann. Weil ihn Wichtigeres beschäftigt als die eigene Empfindlichkeit.

Mit der Personalie hat Biden Geschichte geschrieben. Zum ersten Mal zieht eine der beiden großen amerikanischen Parteien mit einer dunkelhäutigen Frau auf dem Ticket ins Wahlkampffinale. 1984 hatte Walter Mondale, ein Demokrat, Geraldine Ferraro als erste Frau überhaupt zum „Running Mate“ gekürt, 2008 folgte der Republikaner John McCain mit Sarah Palin. Nun Kamala Harris, die im Grunde in doppelter Hinsicht für eine Premiere steht. Tochter eines aus Jamaika eingewanderten schwarzen Ökonomen, ist sie die erste Afroamerikanerin, die das Vizepräsidentenamt anpeilt. Da ihre tamilische Mutter aus Indien stammt, sehen aber auch asiatischstämmige Amerikaner in ihrer Kandidatur einen historischen Durchbruch.

 Mehr noch, als es sonst der Fall wäre, hat das Wort vom Sprungbrett „Vice Presidency“ seine Berechtigung. Von Stellvertretern des Staatschefs wird auch in normalen Zeiten erwartet, dass sie selbst das höchste Amt anstreben, wenn die Nummer eins die Machtzentrale verlässt. Schon deshalb hat Biden Weichen gestellt, denn de facto ist Harris nun die Nummer zwei der Demokratischen Partei. Falls er die Wahl gewinnt, dürfte 2024 oder spätestens 2028 kein Weg an ihr vorbeiführen.