1. Meinung
  2. Kommentare

Kommentar zur Virus-Wissenschaft: Keine Fertiggerichte

Kommentar zur Virus-Wissenschaft : Keine Fertiggerichte

Die Sterblichkeit war bei künstlich beatmeten Menschen mit Corona-Infektion mit 53 Prozent besonders hoch, zeigt eine Studie. Tatsächlich wissen Virologen und Mediziner aktuell nur, dass sie zunächst nichts wussten, kommentiert Wolfgang Wiedlich.

Häufiger teilten uns zuletzt Zeitgenossen mit, dass sie jenen Virologen „besser finden“ als den und den – als die, die tendenziell immer schwarzmalen. Überhaupt hätten die ja alle unterschiedliche Meinungen, wobei gelegentlich virologische mit epidemiologischen Einschätzungen verwechselt wurden. Oft sagen Menschen während der Pandemie auch „Ich glaube, dass . . .“ – die zweite Welle ausbleibt, mögliche Mutationen beim Virus Sars-CoV-2 harmlos ausfallen und „die Sache“ nun überstanden ist. Und überhaupt müsse das Leben doch endlich wieder weitergehen.

Die Sehnsucht nach einem Zurück zur Normalität ist verständlicherweise riesengroß – zurück zu Umsätzen, Partys und Massen-Veranstaltungen oder vertrauter Geselligkeit. Es ist bemerkenswert, wie lässig der Umgang mit der Pandemie geworden ist. Oder: Wie sich im Angesicht unternehmerischer Existenzkrisen wissenschaftliche Mahnungen, so unsicher sie auch sein mögen, in Fragen des Glaubens verwandeln, wo es doch um Leben und Tod geht oder zumindest, so letzte Erkenntnisse, auch um langlebige Schädigungen Covid-19-Erkrankter.

Erstaunlich: Unsere Gesellschaft gilt als aufgeklärt und wird oft als Informationsgesellschaft beschrieben. Gleichwohl wissen viele Menschen nicht, dass Forschung mehr ist als der Blick in eine Glaskugel. Trotz aller Bildungsoffensiven. Dennoch waren diese nicht vergeblich oder haben an bildungsfernen Milieus vorbeigezielt. Denn die Gesellschaft praktiziert schichtenübergreifend Wissenschaftsferne gerne dann, wenn ihr deren Erkenntnisse schlichtweg nicht in den Kram passen und Sand ins laufende Getriebe streuen.

Die Gesellschaft ist inzwischen selbst industriell getaktet, in großen Teilen rundum versorgt und fühlt sich unabhängig von dem, was sie unter Natur versteht: Strom kommt aus der Steckdose, Fertigpizza und Lachs aus der Tiefkühltruhe, und das Reh ist die Frau vom Hirsch. Das Bewusstsein, in einem unauflösbaren Naturkontext zu leben, hat sich verflüchtigt. Deshalb wirken der Klimawandel oder eben eine Pandemie auch eher wie Gespenster, an die man glaubt oder eben nicht. Wir unterscheiden nicht mehr in Wissende und Unwissende, sondern in Pessimisten und Optimisten, in pessimistische und optimistische Virologen. Was für ein Missverständnis.

Tatsächlich wissen Virologen und Mediziner aktuell nur, dass sie zunächst nichts wussten und inzwischen nur von Tag zu Tag, von Studie zu Studie etwas mehr. Und alles steht nicht im Rang letzter Wahrheiten. Mag die Welt sich zunehmend daran gewöhnt haben, dass ihr das Internet per Klick auf Fragen antwortet, so erlebt sie in der Pandemie: Tatsächlich, die Forschung liefert kein wissenschaftliches Fertiggericht. Sie kann auch nicht vorhersagen, ob und wann die befürchtete zweite Welle kommt, ob das Virus dann via Mutation ein anderes mit neuen Eigenschaften sein wird und möglicherweise die angerührten Impfstoff-Cocktails auskontert.

Dieses Dilemma umfassender Ungewissheit ist für große Teile unserer Just-in-Time-Gesellschaft unerträglich. Nichts ist mehr verlässlich planbar. Die vom Virus diktierte neue Wirklichkeit müssen Menschen erst einmal aushalten lernen. Viele flüchten davor. Tischlein deck dich: Alternative Wahrheiten und Fakten gibt es auch zum Coronavirus reichlich, und Verschwörungstheoretiker haben Hochkonjunktur, weshalb auch die Lesertelefone pausenlos klingeln: Warum berichten Sie nicht über andere Pandemie-Wahrheiten?

Dabei hat das zwischen Mensch und Wildtier zusammengebraute Virus diese längst als dummes Geschwätz entlarvt und sogar mächtigste Populisten entkleidet: Donald Trump und Jair Bolsonaro stehen plötzlich splitternackt als – mit Verlaub –  große Spinner da, stammeln ausnahmslos wirres Zeug, während ihre Staaten titanic-ähnlich versinken. Alle Forscher wurden aus den Regierungsteams vertrieben.

In anderen Dimensionen wächst auch in Deutschland die Unsicherheit. Alles richtig gemacht oder nur fast? Hätten die Koalitionäre besser auf die „Pessimisten“ hören und den sanften Shutdown noch drei Wochen länger – gegen den Volkswillen – verordnen sollen und eine Prise neuseeländischer oder schottischer regieren müssen? Auch die Politiker dieser Demokratien wollen wiedergewählt werden, streben aber an, das Virus auszurotten und erst dann die Schleusen im Binnenland risikofrei für die alte Normalität zu öffnen. Dann aber ohne Einschränkungen für Alltag und Wirtschaft, jedoch mit maximaler Kontrolle an den Außengrenzen. Auch dagegen gibt es viele gute Argumente. Aber Schottland und Neuseeland sind fast am Ziel.