Kommentar Klopp zieht den Stecker

Bonn · Jürgen Klopp legt jetzt eine Pause ein. Nach sieben Jahren bei Borussia Dortmund, in denen der Fußballlehrer wie "Mr. 100.000 Volt" an der Seitenlinie entlangfegte, zieht er selbst den Stecker. Ein Kommentar.

 Klopp macht Pause auf unbestimmte Zeit

Klopp macht Pause auf unbestimmte Zeit

Work-Life-Balance - das hört sich immer noch ein wenig nach Sitar-Kurs in Indien oder Töpfern in der Toskana an. Irgendwie abgehoben. Dabei ist es ein sehr reelles Problem, wenn das Verhältnis von Privat- und Arbeitsleben aus dem Gleichgewicht gerät. So mancher geht daran kaputt.

Jürgen Klopp legt jetzt eine Pause ein. Nach sieben Jahren bei Borussia Dortmund, in denen der Fußballlehrer wie "Mr. 100.000 Volt" an der Seitenlinie entlangfegte, zieht er selbst den Stecker. Ob daraus ein richtiges Sabbatical wird, also ein Sabbatjahr, wird sich zeigen, wenn im Winter etwa der FC Liverpool noch einmal anklopfen sollte. Aber vorerst hat Klopp genug.

Selbst Millionengehälter sind am Ende verzichtbar, wenn alles zu viel wird. Fußballtrainer sind inzwischen einem Druck und einer medialen Aufmerksamkeit ausgesetzt, die Menschen verändern. Klopp etwa wurde immer dünnhäutiger. Spiele im Dreitagesrhythmus, 70 000 Besserwisser auf der Tribüne, 20 Kameras und zehn Zeitungen am Trainingsplatz, Privatleben zwischen 24 und 0 Uhr - das kann einen aussaugen. Wer klug und aufmerksam genug ist, lässt es nicht so weit kommen. Vielleicht braucht Klopp nicht wirklich eine Pause, jedenfalls will er eine.

Früher flüchteten Trainer in den Suff, wenn ihnen der Job über den Kopf wuchs. Bei Branco Zebec war das so, bei Werner Biskup auch. Heutzutage arbeiten einige einfach weiter, bis sie richtiggehend ausgebrannt sind. Die Belastungen sind ihnen dann ins Gesicht gemeißelt. Ottmar Hitzfeld und Ralf Rangnick verpassten so den Zeitpunkt, selbst zu entscheiden. Am Ende mussten sie die Reißleine ziehen.

Es scheint mittlerweile ein Prozess des Umdenkens in Gang gekommen zu sein. Das Sabbatical ist noch nicht hoffähig, aber doch gesellschaftsfähig geworden. Sogar im Fußball, wo jede Andeutung von Schwäche eine Karriere ausbremsen kann. Pep Guardiola hat's getan, Thomas Tuchel auch. Und Jürgen Klopp wird nicht der letzte sein.