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Kommentar zum Urteil gegen ehemaligen KZ-Wachmann: Zu spät

Kommentar zum ehemaligen KZ-Wachmann : Zu spät

Ein 93-jähriger ehemaliger KZ-Wachmann erhält zwei Jahre Jugendstrafe auf Bewährung. Das Urteil ist wie aus der Zeit gefallen, kommentiert GA-Chefredakteur Helge Matthiesen.

Zwei Jahre Jugendstrafe auf Bewährung für einen 93-Jährigen wegen Beihilfe bei einem monströsen Verbrechen 75 Jahre nach der Tat. Schon diese Eckdaten zeigen, dass dieses Urteil wie aus der Zeit gefallen ist. Gewiss: Die Angehörigen der vielen Tausend Opfer haben ein Recht, dass die Täter und ihre Helfer vor Gericht kommen und verurteilt werden. Mord verjährt nicht. Dieser Grundsatz ist an den Untaten der Nationalsozialisten entwickelt worden. Juristisch ist das alles wasserdicht. Es hat auch einen gesellschaftspädagogischen Nutzen, an die Verbrechen zu erinnern.

Doch über was hat das Gericht da eigentlich geurteilt? Hört man sich die Gründe für den Beschluss an, dann bleiben große Zweifel an seiner Sinnhaftigkeit. Die Aussagen lassen sich problemlos auf alle Wehrmachtssoldaten anwenden, auf die Nachbarn verschleppter und ermordeter Juden und viele andere, die vor 1945 Schuld auf sich geladen haben.

Dieses Verfahren und sein Urteil werden der Dimension dieser Schuld in keiner Weise gerecht. Es wird auch dem Angeklagten und seinem individuellen Versagen nicht gerecht. Er wollte als 17-jähriger Wehrpflichtiger das große Morden überleben. Es dokumentiert eine angemaßte moralische Überlegenheit der Nachgeborenen. Es waren indes Richter und Staatsanwälte, die nach 1945 keinen Grund sahen, gegen Männer wie D. vorzugehen. Ihr Versagen hat dieses Urteil erst möglich gemacht. Auch sie standen nicht vor Gericht, obwohl sie vielleicht auch gemeint waren.

Wenn das Jugendstrafrecht vom Gedanken der Besserung des Verurteilten geleitet ist, dann ist dieses Urteil eigentlich eine Karikatur. 75 Jahre nach Ende des Krieges und der Massenvernichtung ist juristisch nichts mehr gutzumachen. Diese Chance ist vor Jahrzehnten verpasst worden.