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Lammerts Medienschelte: Niveau-Fragen

Lammerts Medienschelte: Niveau-Fragen

Es steckt eine ungeheure Selbstgerechtigkeit in der Debatte um den Bundespräsidenten und seine persönlichen Kredit-Mechanismen.

Es gibt in Berlin Dutzende deutsche Politiker, welche die Augen bewundernd rollen, wenn sie von den Erfolgen des investigativen Journalismus beispielsweise in den USA hören. In der deutschen Innenpolitik sehen sie sich als tugendbehaftete Moralwächter. Den Vogel schießt zurzeit Bundestagspräsident Norbert Lammert ab.

Nach seiner Überzeugung sind es "die" Medien, die offensichtlich "nicht nur auf Aufklärung" aus sind. Lammert, der kurzfristig einmal selbst als Nachfolger Horst Köhlers als Bundespräsident im Gespräch war, nimmt zwar das Wort "Kampagnen-Journalismus" nicht in den Mund. In der Sache erhebt er genau diesen Vorwurf. Und das ist - gelinde gesagt - ein Diskussionsbeitrag des Bundestagspräsidenten auf Teppichboden-Niveau.

Gewiss: "Die" Medien müssen bei aller Aufklärung grundsätzlich Respekt vor dem Bundespräsidenten, dem Bundestagspräsidenten und der Bundeskanzlerin bewahren. Das sind nun einmal die demokratisch legitimierten Volksvertreter, die - eine zentrale Lehre des Zerfalls der Weimarer Republik - Schutz vor Diffamierungen oder persönlichen Herabwürdigungen haben müssen.

Darum geht es 99 Prozent der Medienvertreter auch gar nicht: Vordringlich ist die sachliche Aufklärungsarbeit. In den knapp 63 Jahren der Republikgeschichte hat die konsequente Recherche von Vorwürfen im Umfeld von Politik prominente Köpfe gekostet: Willy Brandt musste seinen Kanzler-Rücktritt erklären, nachdem der laxe Umgang mit DDR-Spionen durch journalistische Erkundungsarbeit allzu offensichtlich geworden war.

Heinrich Lübke sah sich als amtierender Bundespräsident Mitte der 60er Jahre mit einer Debatte konfrontiert, die seine NS-Vergangenheit beleuchten wollte. Karl-Theodor zu Guttenberg ist durch journalistische Recherche und die Arbeit der Internet-Gemeinde zum Rücktritt als Verteidigungsminister gezwungen worden.

Was wäre passiert, wenn die Medien vor lauter Ehrfurcht die Ermittlungsarbeit nach den ersten unwahren Angaben über seine Doktorarbeit dieses Thema nicht weiter verfolgt hätten? Daran kann man erkennen, wie bitter-notwendig Nachhaken und Bohren sind.

Im Fall Wulff gehört die Arbeit der Massenmedien jedenfalls gewiss nicht an den Pranger. Das entspräche einer Umkehrung der politischen Realität, die von den Wulff-Fehlern geprägt ist. Der amtierende Bundespräsident hat keine klare und belastbare Verteidigungslinie. Die Medien werden weiter bohren müssen. Aber sie wollen - und das deckt sich noch mit der Mehrheitsmeinung in der Bevölkerung - die Wahrheit herausfinden.

Solange der Bundespräsident seine Finanzgebaren nur schrittweise offenlegt, werden die Rechercheure Druck machen. Das kann manchmal zu unangenehmen Fragen führen. Aber sie haben - von wenigen Ausnahmen abgesehen - nichts mit einem Kampagnen-Journalismus zu tun, sondern mit der Wahrung grundgesetzlich verbriefter Rechte.

Das weiß auch Lammert, der mit seiner Schelte von den Ungeschicklichkeiten des Amtsinhabers nicht ablenken kann. Die öffentliche und private Medien-Landschaft ist zu bunt, als dass sie über einen Kamm geschoren werden könnte.