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Kommentar: Linke: Chance und Risiko

Kommentar : Linke: Chance und Risiko

Man nehme: realpolitischen Reformwillen und radikale Angriffslust. Und fertig ist die neue Doppelspitze der Bundestagsfraktion Die Linke. Künftig also sollen Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch die Bundestagsfraktion der Partei Die Linke die Wahl-Auseinandersetzung 2017 führen.

Diese Doppelspitze ist Chance und Risiko zugleich. Wagenknecht und Bartsch standen schon 2012 in erklärter Konkurrenz zueinander, als eine zerstrittene Partei Nachfolger für ihr Führungsduo Gesine Lötzsch und Klaus Ernst suchte. Wagenknecht arbeitete damals gemeinsam mit ihrem heutigen Ehemann Oskar Lafontaine hinter den Kulissen mit aller Macht gegen den Reformer Bartsch, der gerne einen der beiden Chefposten an der Parteispitze übernommen hätte. Bartsch blieb geschlagen zurück, nachdem sich der West-Gewerkschafter Bernd Riexinger und die Ost-Linke Katja Kipping durchgesetzt hatten.

Jetzt wagen Wagenknecht und Bartsch im Namen des gemeinsamen Projektes einen Neustart. Ihr Vorteil: Zusammen erreichen beide eine hohe inhaltliche Abdeckung innerhalb der Linken und womöglich auch eine hohe Mobilisierung im Wahlkampf, was sich aber noch zeigen muss. Ihr Nachteil: Gerade weil sie für sehr unterschiedliche Parteiströmungen stehen, könnte dies die dringend notwendige Integration gefährden, je nach dem Grad (offen ausgetragener) Meinungsverschiedenheiten. Gregor Gysi war die Integrationsfigur der Linken. Und er wird es bis auf weiteres bleiben. Ob Wagenknecht und Bartsch dieses Vakuum, das Gysis Rücktritt vom Fraktionsvorsitz hinterlässt, füllen können, ist offen.

Natürlich will Die Linke eine Machtoption im Bund. Einen kleinen Schritt hat sie mit der Regierungsübernahme von Bodo Ramelow in Thüringen als erster Ministerpräsident seiner Partei und mit SPD und Grünen im Geleitzug gemacht. Die SPD wiederum hat den Tabubruch gewagt, eine rot-rot-grüne Koalition einzugehen - wohlgemerkt als Juniorpartner unter Führung der Linken. Für den Bund taugt die Koalition in Thüringen aber lange nicht als Feldversuch. Wer wie die Linke raus aus der Nato will, deutsche Auslandseinsätze ablehnt, die Euro-Rettungspolitik in ihren Grundlinien als falsch verteufelt, wird eine der stärksten Volkswirtschaften der Erde mit ihren internationalen Verpflichtungen und Bündnissen kaum führen können.

Trotzdem werden Wagenknecht und Bartsch gemeinsam mit Riexinger und Kipping viel daran setzen, 2017 zumindest eine Wechselperspektive mit Blick auf 2021 vorzubereiten. Tatsächlich müssen sie dafür vor allem nach innen arbeiten. Die Linke ist bis auf weiteres mindestens zwei Parteien in einer. Mit ihrer Mischung aus ostdeutschen Realpolitikern und westdeutschen Dogmatikern, aus Sozialisten, Kommunisten, Trotzkisten und Marxisten besitzt sie noch immer das Zeug, sich selbst zu zerlegen.