Kommentar Literaturnobelpreis - Geht doch, Stockholm

Schade, dass er das nicht mehr erleben durfte. Der im September gestorbene Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki pflegte fast alle der Literaturnobelpreis-Entscheidungen der vergangenen Jahre kritisch zu rezensieren. Wenn's wieder einmal ein Chinese wurde, grantelte Reich-Ranicki: "Ich habe noch nie in meinem Leben ein chinesisches Buch gelesen." Gestern hingegen hätte er sich gefreut und seine Anerkennung ausgedrückt.

Mit der Kanadierin Alice Munro, der "Meisterin der zeitgenössischen Kurzgeschichte", wie es Jury-Sprecher Peter Englund auf den Punkt brachte, hat die Stockholmer Akademie alles richtig gemacht. Die Nobelpreis-Jury, die ihre Unabhängigkeit gern behauptet, aber immer dann dementiert, wenn sie politisch motivierte Entscheidungen trifft, honoriert in diesem Jahr mit Alice Munro eine fabelhafte Erzählerin. Dass sie bei der Kritik und - wichtiger noch - beim Lesepublikum hoch angesehen ist, steigert noch den Charme des Wahlausgangs.

Munro kann auf 30 Seiten ausdrücken, wofür Romanciers 800 brauchen. Ihre Prosa hat kein Fett, Munro dringt umstandslos zum Kern der Dinge vor, wenn sie komplexe Familienbilder malt, vom Miteinander der Menschen erzählt, von Verrat, Trennung und Neubeginn.

[kein Linktext vorhanden]Ihr Röntgenblick liefert ihr die Erkenntnisse, ihre Erzählkunst verdichtet sie zu kühnen, wagemutig komponierten Short Storys. Alle waren am Donnerstag glücklich, nur Munro nicht, die nunmehr 13. Literaturnobelpreisträgerin: "Es ist schrecklich, dass es nur 13 von uns gibt."

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