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Kommentar zum Erdüberlastungstag: Lockdown-Ökologie

Kommentar zum Erdüberlastungstag : Lockdown-Ökologie

Die Verschiebung des Erdüberlastungstags um zwei Wochen steht für weniger ökologischen Frevel. Aber: Nicht Einsicht und Verzicht, sondern die angeordneten Lockdowns haben den ökologischen Druck verringert.

Ein Kalenderspruch mit durchaus wissenschaftlicher Relevanz zur Ökologie lautet: Alles hängt mit allem zusammen. Die Globalisierung auf allen Ebenen hat diese Erkenntnis noch vertieft: Alles hängt – noch mehr – mit allem zusammen. Wie sehr dies zutrifft, zeigt das Datum des Erdüberlastungstags 2020: Die Verschiebung um zwei Wochen steht für weniger ökologischen Frevel. Eine auf acht Milliarden zustrebende Menschheit hat weniger biologische Ressourcen beansprucht als 2019 und weniger Gas-, Fest- und Flüssigmüll in den Stoffwechsel der Ökosysteme gekippt. Aber freilich immer noch viel zu viel.

Das Leben im Einklang mit der Natur, wovon wir gelegentlich in Sonntagsreden oder in Urlaubsrefugien träumen, liegt auf dem Zeitpfeil der Erdüberlastung immer noch Monate entfernt. In Deutschland erreichten wir den „Overshoot Day“ bereits Anfang Mai – trotz aller Öko-Rhetorik und des zur Alltagsvokabel verkommenen Anspruchs auf „Nachhaltigkeit“.

Stellt man sich vor, zwischen den vielen miteinander gekoppelten Sphären des Erdsystems existiere tatsächlich eine regulatorische Kraft, so ließen sich Virus und Pandemie als Freunde der planetaren Gesundheit verstehen. Oder als Ökosystem-Reaktion, denn das Eindringen des Menschen in die Wildnis und das damit verbundene Schrumpfen der Artenvielfalt begünstigt solche Pandemien.

Nicht Einsicht und Verzicht haben also den ökologische Druck verringert, sondern die angeordneten Lockdowns in weicher (Deutschland) oder harter Version (Spanien). Das Virus hilft sogar, dass Deutschland seine Klimaziele 2020 erreicht, obwohl das zunächst aussichtslos erschien.

Schafft die Pharmazie Pillen und Seren rechtzeitig heran?

Aktuell bibbern Wirtschaft und Gesellschaft vor dem Infektionsgeschehen. Wann hebt sich endlich die Schranke vor der Pandemie-Ausfahrt durch Medikamente und Impfstoffe? Schließlich nahen Herbst und Winter mit allen pandemiepuschenden Eigenschaften. Nie war die Sehnsucht nach einer Rückkehr in den Business-as-usual-Takt größer. Schafft die Pharmazie Pillen und Seren rechtzeitig heran? Wenn ja: Was bedeutet das für die von der Zivilisation freigesetzten Treibhausgase? Für den Klimaschutz?

Der Durst der Wälder und Böden oder eine der wärmsten Nächte in Deutschland erinnern uns daran, dass da noch eine viel größere ungelöste Herausforderung existiert als eine die Gesellschaft lähmende Mikrobe. Beim Klimawandel schließt sich bald ein Zeitfenster, in dem der Mensch noch regulierend hätte eingreifen können. Schon warnen einige Ökonomen, dass Industrie und Wirtschaft nach der entbehrungsreichen Pandemiezeit jetzt nicht noch ernsthafter Klimaschutz zuzumuten sei. Wirtschaftswachstum sei jetzt die Gebote der Stunde.

Doch auch die Stimmen gegen das Kurzsichtige werden lauter. Dass Privatisierung und deregulierte Märkte das globale Gemeinwohl am besten maximieren und die Demokratie eine marktkonforme Veranstaltung zu sein habe, behaupten nur noch die von Quartalsbilanzen Getriebenen. Ausgerechnet die Vorreiterstaaten des Marktliberalismus mit ihren zusammengesparten Gesundheitssystemen hat das Virus in deren Grundfesten erschüttert. Politik und Wahlen könnten in den nächsten Jahren also spannender denn je werden.