Kommentar zu geschlossenen Grenzen Mehr-Klassen-Europa

Meinung | Brüssel · Als das Coronavirus sich in Europa ausgebreitet hat, waren die Grenzen plötzlich dicht. Doch so schnell die Übergänge wieder kontrolliert wurden, so langsam dauert deren Öffnung. Diese Unsicherheit hilft den Bürgern nicht, kommentiert unser Autor.

 Seit des gravierenden Ausbruchs des Coronavirus sind die Grenzen in der EU überwiegend dicht.

Seit des gravierenden Ausbruchs des Coronavirus sind die Grenzen in der EU überwiegend dicht.

Foto: dpa/Oliver Berg

Als das Virus kam, gingen die Schlagbäume runter. Es war dieser fast schon protektionistische Reflex, der einen Teil des europäischen Traums zerstörte. Denn als die Grenzen geschlossen wurden, machten die Regierungen klar, dass sie immer noch nicht an diese Gemeinschaft glauben und ihre Fähigkeit, alle Herausforderungen besser gemeinsam zu bewältigen. Im konkreten Fall führte dies zu Verärgerungen und Brüskierungen. Belgien, das keine eigene Produktionsstätte für medizinische Schutzausrüstungen mehr hat, sah sich plötzlich von wieder zum Leben erwachten Grenzen eingesperrt. Die anfänglichen Exportverbote für Atemmasken und andere Utensilien verstärkten dieses Gefühl noch.

So schnell die Übergänge wieder kontrolliert wurden, so langsam dauert deren Öffnung. Es ist ja richtig, auf die jeweilige Pandemie-Situation Rücksicht zu nehmen. Aber nicht nur die Menschen, sondern auch die Unternehmen müssen wissen, wann sie wieder ihre grenzüberschreitende Arbeit aufnehmen. Von den Innenministern gab es jedenfalls nichts dazu. Nun droht ein europäischer Flickenteppich mit Gesundheitskontrollen – egal in welcher Form. Niemand weiß, ob er im Sommerurlaub in die österreichischen Alpen oder an die kroatische Adria fahren kann. Die Unsicherheit hilft nicht den Bürgern, die ihren Urlaub planen wollen, sie beschädigt auch die Reisebranche, der man eigentlich eine positive Aussicht zum Beispiel für die Herbst- und Winterferien geben müsste. Die EU riskiert zudem die Bildung einer Mehr-Klassen-Gesellschaft. Da wird es die geben, denen einige Staaten die Einreise erlauben – wie das Österreich und Kroatien offenbar für deutsche Touristen erwägen, während andere draußen bleiben müssen. Wer den Bürgern das als abgestimmtes Hochfahren verkaufen will, muss schon sehr dreist sein.

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