Kommentar Nahost - Nur Verlierer

Die trügerische Ruhe, in der sich Israel gewogen hat, ist vorbei. Falls die israelische Regierung gehofft hatte, die Ausbrüche von Hass und Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern, Juden und Arabern, die seit einer Woche lodern, in den Griff zu bekommen, stehen die Zeichen seit Dienstag auf Krieg.

Israel mobilisiert zehntausende Reservisten, um den Terror aus dem Gazastreifen auszutreten. Ein Kampf, den keiner gewinnen kann, und bei dem es nur Verlierer geben wird.

Die Gaza-Eskalation über die vergangenen vier Wochen hat nur indirekt mit der Ermordung der israelischen Talmudschüler und dem grauenvollen Racheakt jüdischer Rechtextremisten an einem palästinensischen Jugendlichen zu tun. Aber sie hat viel mit der Schwäche und Isolierung der Hamas zu tun, die den kleinen Küstenstreifen zwischen Ägypten und Israel am Mittelmeer seit 2007 regiert, fast alle Unterstützer in der arabisch-islamischen Welt verloren hat und nun mit dem Rücken an der Wand steht.

Mit seinem Schachzug, der verfeindeten Hamas die Versöhnung anzubieten und eine Einheitsregierung - tatsächlich unter Ausschluss der Islamisten - zu bilden, hat Palästinenserpräsident Mahmud Abbas die Machthaber im Gazastreifen in die Enge getrieben.

Die anhaltenden und zuletzt gesteigerten Provokationen in Richtung Israel deuten darauf hin, dass sie sich lieber in den Selbstmord stürzen als weiter mit den immensen sozialen und wirtschaftlichen Problemen auf ihrem Territorium zu kämpfen.

In ihren eigenen Augen kann die Hamas nicht mehr verlieren, sie kann nur gewinnen und setzt nun darauf, dass sich Israel in einen längeren Konflikt mit ihr einlässt. Eine Bodenoffensive, die mindestens Hunderte palästinensische Zivilopfer kosten würde, mag, so das Kalkül der Islamisten, im Westjordanland eine dritte Intifada auslösen.

Israel müsste dann an zwei Fronten kämpfen, würde ebenfalls wirtschaftlich leiden und sich weiter international isolieren. Denn das ist klar: Auch wenn die internationale Gemeinschaft dem Land das Recht auf Selbstverteidigung bei Bedrohung von außen zugesteht, gilt es im Kampf mit den Palästinensern immer als der stärkere Gegner.

So sehr Israels Premier Netanjahu die palästinensische Pseudo-Versöhnung angeprangert hat und die Hamas verteufelt, so sehr fürchtet er ihre vollständige Zerschlagung. Daher wird sich Israel so lange wie möglich zurückhalten und nicht mit Infanterie in den Gaza-Streifen einmarschieren, obwohl es die Rechtsaußen in seinem Kabinett verlangen.

Alles, was der sich auch um soziale Aufgaben kümmernden Hamas nachfolgt, kann nach Ansicht von Sicherheitsexperten nur vom Schlage einer Al-Kaida sein. Gesetzlosigkeit und Chaos wie in Somalia, Teilen Iraks oder Syriens will man sich in unmittelbarer Nachbarschaft nicht heranziehen.

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