Kommentar Scheitern der US-Strategie gegen den IS - Obamas Fehler

Washington · Einen Feind schwach zu reden, heißt nicht, ihn zu schwächen. Nicht, wenn er in Wirklichkeit stark ist. Neun Monate nach Beginn der amerikanischen Luftschläge gegen den Islamischen Staat in Syrien und im Irak droht Washington dieser Fehler zum Verhängnis zu werden.

Während die Obama-Regierung die Gelände-Gewinne der dschihadistischen Besatzer in Ramadi und Palmyra herunterspielt und die Öffentlichkeit mit Durchhalte-Parolen bedient, schreitet im arabischen Osten der Zerfall staatlicher Ordnung voran. Mit jeder neuen Eroberung treibt der IS den Niedergang der Region voran.

Obamas Strategie, den Irak unter dem von den USA ins Amt orchestrierten Ministerpräsidenten Abadi mit allem - außer US-Bodentruppen - in die Lage zu versetzen, aus eigener Kraft die territoriale Integrität und Souveränität zurückzugewinnen, hat den Tauglichkeitstest nicht bestanden. Im Gegenteil. In ihrem am militärischen Reißbrett entstandenen Bemühen, den IS zu "schwächen und letztlich zu zerstören" (Obama), findet sich Amerika im Frühling 2015 an der Seite unberechenbarer Kräfte wieder.

Weil die reguläre, von Washington mit Millionensummen alimentierte irakische Armee im Zweifel lieber vor den besser bezahlten und besser ausgebildeten Kalifat-Legionären flieht, stoßen aus dem Iran ferngesteuerte Milizen und Bürgerwehren in das Vakuum. Eine Konstellation wie gemacht für das zynische Endziel des IS, der einen offenen Kampf zwischen Sunniten und Schiiten provozieren will. Also zwischen Saudi-Arabien und Iran.

Nirgends ist das Dilemma so dramatisch wie in der umkämpften Stadt Ramadi, in der im Irak-Krieg unter George W. Bush 1000 GIs starben, deren Mütter sich heute vor Wut die Augen aus dem Kopf heulen. Die Sunniten dort haben erst gegen die Amerikaner gekämpft. Dann mit den Amerikanern gegen Al Kaida. Ihnen jetzt Schiiten als Schutzmacht zu schicken, die mit dem Segen Bagdads den sunnitischen IS neutralisieren sollen, kommt fast einer Gotteslästerung gleich. In so einem Klima kann die Aussöhnung der islamischen Glaubens-Blöcke nicht einmal ansatzweise gelingen.

Je größer die IS-Einflusszone, desto lauter werden in Washington die Stimmen der Unbeherrschten. Nahezu alle republikanischen Möchtegern-Präsidentschaftskandidaten für 2016 zeihen Obama des Herumeierns und dienen sich plump als Feldherren an, die den IS in Grund und Boden bomben würden, wenn man sie ließe. So als hätte es die von Größenwahn angetriebene Niederlage Amerikas im Irak-Krieg nie gegeben. Ein IS-inspirierter Terror-Anschlag auf amerikanischem Boden könnte diese Stimmung anheizen. Ins Weiße Haus zöge dann kein zaudernder Obama-Nachahmer ein, der aus Schaden klug geworden Amerikas militärischen Fußabdruck klein halten will. Sondern ein Bush II. Ein Kriegspräsident.

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