Kommentar Schulstart in Nordrhein-Westfalen - In Bewegung

Wer heute über Schule redet, der ist ganz schnell bei der Klage über zu hohe Anforderungen für Schüler, über zu große Klassen, über Lehrer, die mit den Nerven am Ende sind, oder über unser Bildungssystem, in dem viele Kinder nicht zurecht kommen. Oft schleicht sich auch Mutlosigkeit, teilweise Resignation ein.

So nach dem Motto: Wir können daran sowieso nichts ändern. Wer sich in Lehrerkollegien, Elternvertretungen oder auf Schulverwaltungsebene aufgerieben hat, kann davon ein Lied singen.

Und dennoch: Es kann sich lohnen, trotz mancher Widrigkeiten einen Beitrag für eine gute Schule der Zukunft zu leisten. Auf vielen Ebenen. Denn sowohl die frühere schwarz-gelbe als auch die derzeitige rot-grüne Landesregierung haben viele Entscheidungen weitergegeben. Erinnert sei daran, dass Schulen mehr Befugnisse bei Budgetfragen erhalten haben oder die Kommunen mehr Einfluss auf die künftige Schullandschaft nehmen können.

Zudem legen viele Schulen mehr Wert auf das Miteinander, binden Eltern und Schüler früher in Entscheidungsprozesse ein. Dass andere Schulen hier noch Nachholbedarf haben, sei allerdings auch erwähnt.

NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann hat das heute beginnende Schuljahr 2012/13 als "ein Schuljahr des Aufbruchs" bezeichnet. In der Tat: Es ist viel in Bewegung. Die Klassen werden kleiner (in Grundschulen schrittweise von 23 auf 21, in Gymnasien von 28 auf 25), die individuelle Förderung soll mehr in den Mittelpunkt rücken, die Eingliederung behinderter Kinder in die Regelschulen macht Fortschritte, der islamische Religionsunterricht wird erprobt und es gibt mit der neuen Sekundarschule eine Perspektive für viele Schulstandorte, die sonst geschlossen würden. All diese Prozesse haben allerdings auch eine Kehrseite.

Um die Kinder und Jugendlichen besser fördern zu können, müssten die Klassen laut Fachleuten noch kleiner sein. Kritik gibt es daran, dass viele Lehrer noch nicht auf den Unterricht mit behinderten Kindern vorbereitet sind. Für den Islamunterricht ist der Lehrplan noch in Arbeit und an den Sekundarschulen erhalten die Lehrer unterschiedlich hohe Gehälter, je nachdem ob sie zum Gymnasiallehrer ausgebildet wurden oder nicht.

Es gibt also noch viele Baustellen. Eine hat die Landesregierung gar nicht erst eingerichtet, und das ist gut: dass nämlich NRW im Gegensatz zu anderen Ländern darauf verzichtet, am Turbo-Abitur zu rütteln. In den Gymnasien nun G9- und G8-Klassen anzubieten, hätte sicher zu einem heillosen Durcheinander geführt. Wichtig aber ist, weitere Entlastungen für die Schüler im G8 zu schaffen. Damit ihr Alltag nicht nur aus Schule besteht, sondern sie auch Sport treiben, musizieren oder Freunde treffen können. Spätestens dann dürfte über Schule auch positiver gesprochen werden.

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