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Kommentar zur Fleischbranche: Seltene Gelegenheit

Kommentar zur Fleischbranche : Seltene Gelegenheit

Der Corona-Ausbruch bei Tönnies zeigt einmal mehr: Die Arbeitsverhältnisse in der Fleischbranche müssen sich ändern. Ebenso muss das Tierwohl gefördert werden. Jetzt liegt es an Verbrauchern, Landwirten und Handel, eine wirkliche Änderung zu erzielen, kommentiert unser Autor.

Gute Gelegenheiten für eine grundlegende Änderungen des Konsumverhaltens eröffnen sich selten. Der Mensch ändert seine Gewohnheiten ungern. Die Politik hat wenig Interesse daran, Sinnvolles gegen einen Mehrheitswillen durchzusetzen und sich dabei auch einmal gegen starke Lobbys durchzusetzen. Es sind Krisen oder Skandale, die ein kleines Zeitfenster für tiefgreifende Reformen öffnen. Das ist durch die Corona-Krise im Umgang mit der Tierproduktion und dem Fleischverzehr gerade der Fall.

Europas größter Fleischbetrieb kündigt nun als Reaktion auf den Covid-19-Ausbruch in Gütersloh einen Schwenk an, der wegführen soll von der Billigproduktion hin zu mehr Tierwohl und faireren Arbeitsbedingungen in Schlacht- und Zerlegebetrieben. Selbst Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner, die sich bisher nicht gerade als Speerspitze der Bewegung hervorgetan hat, stellt sich nun hinter die Forderung nach einer Abgabe für das Tierwohl. Und unter den Sozialpolitikern im Bundestag wächst der Wille, die Ausbeutung von ausländischen Arbeitern in der Branche zu unterbinden. Nun müssen den Ankündigungen Taten folgen.

Die Verbraucher, die Landwirte, vor allem aber der Handel müssen dabei mitziehen. Erstere sollten sich ehrlich fragen, ob das Billig-Schnitzel wirklich die erste Wahl sein muss. Es könnte für denselben Preis auch etwas weniger wiegen, wenn damit ein ethisch bessere Wahl verbunden ist. Die Landwirtschaftsministerin wiederum muss endlich einmal Farbe bekennen, dass sie nicht nur als Cheflobbyistin der Landwirte, sondern auch als Ernährungsministerin für alle im Kabinett sitzt.

Schließlich ist auch die große Koalition gefragt, die menschenunwürdigen Arbeits- und Lebensbedingungen der Beschäftigten endlich zu verbessern. Die Zustände sind ja lange genug bekannt. Das Fleisch muss den Beigeschmack von Ausbeutung und Tierquälerei verlieren. Dann schmeckt es trotz etwas höherer Preise auch besser.