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Kommentar zu einer Kanzlerkandidatur der Grünen : Stillhalteabkommen

Kommentar zu einer Kanzlerkandidatur der Grünen : Stillhalteabkommen

Die Grünen haben seit Langem gute Umfragewerte. Die Grünen formulieren im Entwurf für ihr neues Grundsatzprogramm unverblümt den Anspruch, dieses Land zu führen, kommentiert Holger Möhle.

Die Grünen kennen das. Ein Sommerhoch in Umfragen. Zum Wahltag im Bund zogen dann häufig dunkle Wolken auf, weil die Partei einen nationalen Vegetariertag ausruft, die gut verdienende Mittelschicht höher besteuern oder sonst etwas verbieten wollte. Doch mittlerweile erlebt die Ökopartei wieder einen Sommer, in dem ihre Sonnenblume, Markenzeichen im Parteiemblem, in voller Blüte steht. In Landtagswahlen wie in Bayern und Hessen holten sie überdurchschnittliche Ergebnisse, so stark, dass selbst CSU-Chef Markus Söder die Bienen entdeckte. Hitzesommer, Trockenheit, Starkregen vermittelte auch einem breiten Publikum den untrüglichen Eindruck, dass mit dem Klima irgendetwas nicht in Ordnung sein kann.

Seit Annalena Baerbock und Robert Habeck im Januar 2018 die Parteiführung übernommen haben, herrscht eine beinahe schon unheimliche Geschlossenheit, als hätte es die beinhart ausgetragenen Flügelkämpfe früherer Zeiten nie gegeben. Radikal? Das war gestern. Wenn die Grünen dieser Tage noch radikal sind, dann höchstens radikal realistisch. Opposition ist für sie zwar nicht Mist, wie es ein früherer SPD-Vorsitzender einmal ausgedrückt hat, aber Regieren ist doch schöner, vor allem aber bringt es mehr Gestaltungskraft. Nach dem gegenwärtigen Stand ist eine Beteiligung der Grünen an einer nächsten Bundesregierung mindestens möglich. Schwarze und Grüne haben sich über Jahrzehnte derart aneinander abgearbeitet, dass es zumindest versuchen können und 2017 auch schon versucht hätten, wenn eine hasenfüßige FDP nicht vor der Zeit das Jamaika-Boot zum Kentern gebracht hätte.

Die Grünen formulieren im Entwurf für ihr neues Grundsatzprogramm unverblümt den Anspruch, dieses Land zu führen. Die einstigen Ökopaxe entdecken die Mitte, weil nur dort sich Mehrheiten für eine Regierungsbeteiligung holen lassen. Die Bündnispartei müsste dann noch die Frage beantworten: Riskiert sie erstmals in den 40 Jahren ihrer Geschichte eine Kanzlerkandidatin oder einen Kanzlerkandidaten? Personenkult war nie Sache der grünen Basis, obwohl ihn ein Joschka Fischer bis zur Perfektion betrieb. Noch halten Baerbock und Habeck still. Mal sehen, wen die Konkurrenz aufstellt. Aber irgendwann müssen sie aus der Deckung. Habeck ist womöglich mehr der Mann der Bühne, Baerbock gilt als sicherer in den Themen. Sie werden es still ausfechten oder einvernehmlich ausmachen. Und dann gemeinsam angreifen.