Der Lindholm-Tatort aus Göttingen Vielleicht schon perfekt

Bonn · Ausgerechnet Lindholm, ausgerechnet inmitten der Straßenkarnevalszeit – mit „Geisterfahrt“ zeigt die ARD einen der besten Tatort-Filme der jüngsten Krimigeschichte, findet GA-Krimikritiker Daniel Schauff.

 Nach einer schweren Transporterkatastrophe in Göttingen, bei der es viele Tote und Verletzte gab, stehen die Kommissarinnen Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler, l) und Anaïs Schmitz (Florence Kasumba) vor einem neuen Fall.

Nach einer schweren Transporterkatastrophe in Göttingen, bei der es viele Tote und Verletzte gab, stehen die Kommissarinnen Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler, l) und Anaïs Schmitz (Florence Kasumba) vor einem neuen Fall.

Foto: dpa

Dass ausgerechnet ein Lindholm-Tatort zu den besten Sonntagabendkrimis der jüngeren Fernsehgeschichte gehört, überrascht dann doch. Seit Naujoks‘ Weggang – und das ist lang her – lief Lindholm allenfalls nebenbei. Ein paar persönliche Krisen, ein paar Liebschaften, austauschbare Fälle – so recht wusste man nicht, was man nun mit der einst so starken Figur Lindholm anfangen sollte. Selbst ihre Darstellerin Maria Furtwängler schien zumeist etwas ratlos durch den Sonntagabend zu stapfen.

Keine Spur davon in „Geisterfahrt“ (Drehbuch: Christine Hartmann und Stefan Dähnert, Regie: Christine Hartmann), einem Krimi, der auf so vielen Ebenen so gut funktioniert.

Da sind die Paketfahrer zum Beispiel. Ganz kurz horcht der Stephen-King-Freund auf, als es heißt, der Fahrer des Paketwagens (Adrian Djokic) sei möglicherweise durchgedreht und habe sein Auto mit Absicht und 70 Sachen in die Passanten gelenkt. Stattdessen ist der Junge ein guter – das weiß Lindholm natürlich, aber, und das unterscheidet diesen von vielen anderen Tatorten, auch die anderen Ermittelnden scheinen zu ahnen, dass sie es nicht mit einer Amokfahrt zu tun haben. Nun hätte ja des Jungen Chef der Böse sein können, weil er den armen völlig übermüdet hat fahren lassen. Nur böse ist aber auch der nicht. Christoph Letkowski bekommt es beeindruckend gut hin, den Druck zu transportieren, unter dem er steht, damit er sein Soll erfüllt. Und nicht einmal dessen Auftraggeber (Max Urlacher) ist der so gern und so oft in den Tatort geschriebene Ultrakapitalist. Selbst ihn kann man verstehen – wenn auch nur schwer.

Väterlicher Helfer, Schläger

Dann ist da Chef Liebig (Luc Feit), der als Helfer, Unterstützer und Rückenfreihalter von Göttingen eine Art väterlicher Held im Tatort war und auch in diesem Film lange ist. Dass er seine Frau schlägt: unvorstellbar, nicht nur für Kollegin Schmitz, sondern auch für den Zuschauer. Der geht nämlich für eine Weile davon aus, dass Tereza (Bibiana Beglau) die Böse ist oder zumindest irgendwelche Geheimnisse vor ihrem Mann hat, die ihn zum Opfer machen könnten. Ganz langsam erst wird klar, wie viel Schuld Liebig selbst hat – auch daran, dass der aktuelle Fall fast in der Aktenablage des Verkehrskommissariats landet.

Und da ist noch eine dritte Ebene, die diesen Tatort besonders macht. Während viele – glücklicherweise nicht alle – Tatort-Ermittler Helden werden, weil sie einen Schritt weiter gehen als ihre Kollegen, wird das Weitergehen für Lindholm so langsam zum Problem. Ihre Teamunfähigkeit ist diesmal nicht heldenhaft, sondern nervtötend. Nicht nur in den Augen des Zuschauers, sondern endlich auch mal in den Augen der übrigen Figuren. Damit macht dieser Tatort fast eine Metaebene auf und kritisiert – freundlich genug – so viele andere Produktionen aus der Reihe. Man mag fast Danke sagen. Für diese Selbstreflexion, aber auch für diesen großartigen Krimi.

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