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Kommentar: Unicef-Studie - Arme reiche Kinder

Kommentar : Unicef-Studie - Arme reiche Kinder

Was ist bloß los mit unseren Kindern? Sie lernen besser, werden seltener krank, und die meisten kennen keine materielle Armut. Trotzdem sind immerhin mehr als 15 Prozent der Elf- bis 15-Jährigen laut einer Unicef-Studie unglücklich.

Sie hat ergeben: Die persönliche Zufriedenheit und die tatsächlichen Lebensbedingungen klaffen in keinem anderen Indus-trieland so weit auseinander wie in Deutschland.

Was den armen reichen Kindern das Leben schwer macht, bleibt ungewiss. Die Autoren der Studie können sich die Entwicklung in Deutschland ausdrücklich nicht erklären. Sie geben jedoch zumindest wertvolle Hinweise darauf, wie Deutschland kinderfreundlicher werden kann.

Mit dem Verweis auf typisch deutsche Nörgelstimmung oder eine scheinbar undankbare übersättigte Generation lässt sich das Ergebnis der Studie kaum abtun. Denn laut Unicef fühlt sich zumindest ein Teil der deutschen Kinder nicht von den Erwachsenen akzeptiert, ihnen mangelt es danach an Selbstwertgefühl.

Offensichtlich geht es um eine gesellschaftliche Grundeinstellung. Politik für Kinder ist naturgemäß eine Politik für Familien. Ganz vorne in der Rangliste der Kinder-Zufriedenheit stehen die Niederlande und mehrere skandinavische Staaten. Gemeinsam haben diese Länder eine fortschrittliche Familienpolitik. In den Niederlanden etwa arbeiten mehr als 20 Prozent der Männer (!) Teilzeit, auch in Skandinavien haben beide Elternteile durch flexible Arbeitszeitmodelle oft die Möglichkeit, eine Balance zwischen Beruf und Familie zu finden, mit der alle Beteiligten zufrieden sind.

Auch das ist ein Signal für die Wertschätzung von Kindern. In Deutschland gelten Eltern - vor allem Mütter - dagegen in vielen Betrieben als Risikofaktoren. Kaum ein Mann wagt es, mehr als die mittlerweile etablierten zwei Monate Elternzeit einzufordern. Kein Wunder, dass die Geburtenraten in den Ländern mit den zufriedensten Kinder deutlich über der deutschen liegen.

Wertschätzung gegenüber Kindern drückt sich auch in vermeintlichen Nebensachen aus: Deutschlands Nachwuchs hat zwar beim Lernerfolg im Pisa-Vergleich deutlich aufgeholt, aber in vielen Klassenzimmern bröckelt der Putz von den Wänden. Die Politik sagt Eltern ab August das Recht auf einen Kindergartenplatz für Unter-Dreijährige zu, aber um den Andrang zu bewältigen sollen schlicht die ohnehin großen Gruppen ausgeweitet und die Vorschriften für den notwendigen Platz gelockert werden.

Wertschätzung bedeutet auch, die individuellen Fähigkeiten von Kindern zu akzeptieren, auch wenn sie nicht immer den Wünschen von Eltern oder Ausbildern entsprechen. Auch wenn - so die tröstliche Kehrseite der Ergebnisse - immerhin 85 Prozent der deutschen Kinder zufrieden sind: Es gibt noch viel zu tun.